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Tod von Michael Brown : Nächte des Zorns

Mit erhobenen Händen: Protestierende Bewohner von Ferguson im Angesicht der Polizeikräfte Bild: AP

Ein Polizist erschießt einen schwarzen Jugendlichen. Es folgen Ausschreitungen und Plünderungen. Das Gebiet von St. Louis gehört zu den segregiertesten Ballungsräumen der Vereinigten Staaten.

          5 Min.

          Michael Brown wurde von der Polizei angehalten, weil er mitten auf der Straße ging. Für den Polizisten im Streifenwagen war es ein Routinevorgang, wie ein Polizeisprecher mitteilte. „Machen Sie die Fahrbahn frei!“ Tagein, tagaus richten Polizisten diese Aufforderung an Fußgänger im Norden von St. Louis, in den ärmeren Vierteln der Großstadtregion, wo viele Bewohner kein Auto besitzen. Michael Brown, achtzehn Jahre alt, wurde am frühen Samstagnachmittag angehalten. Er war mit einem Freund unterwegs, kam aus einem Laden und war auf dem Weg zu seiner Großmutter. Einige Minuten später, um Viertel nach zwei, war er tot. Erschossen von der Polizei. Auch das ist Routine – statistisch gesehen. Bei Polizeieinsätzen in den Vereinigten Staaten kommen jedes Jahr im Durchschnitt 400 Zivilisten zu Tode. Untersuchungen finden statt, und in neun von zehn Fällen erweisen sich die Tötungen als gerechtfertigt.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am Abend des 24. April vergangenen Jahres wurde in St. Louis der fünfundzwanzigjährige Cary Ball erschossen. Zwei Polizisten gaben 28 Schüsse ab, 21 davon trafen. Ball war kein Fußgänger. Der vorbestrafte Sozialarbeiter hatte sich mit der Polizei eine Verfolgungsjagd geliefert und zwei Autos gerammt. Als er aus seinem Auto ausstieg, bedrohte er die Polizisten mit einer Schusswaffe. Auf Bitten des Polizeichefs von St. Louis untersuchte die Bundespolizei FBI die Sache. Die Todesschützen wurden entlastet.

          Auch wegen des Todes von Michael Brown ermittelt nun das FBI. Justizminister Eric Holder persönlich ordnete die Untersuchung an. Aggressiv soll sie geführt werden, denn auf dem Spiel steht nach den Worten des Ministers das Vertrauen zwischen der Polizei und den Gemeinschaften, denen die Polizei dient. In der Gemeinschaft der Nachbarn von Michael Browns Eltern, Stiefvater und Großmutter sind die meisten Fußgänger Schwarze. Die Polizisten hinter den Windschutzscheiben der Streifenwagen, die ihnen dienen, sind fast alles Weiße.

          Im Unterschied zu Cary Ball war Michael Brown nicht bewaffnet. Augenzeugen berichten, dass er die Hände erhoben hatte, als ihn die tödlichen Schüsse trafen. Er hätte in dieser Woche mit dem Studium beginnen sollen, am Vatterott College in St. Louis, das auf die Ausbildung für technische Berufe sowie das Bau- und Restaurantgewerbe spezialisiert ist. Seine Mutter gab einem lokalen Fernsehsender ein Interview, in dem sie der Polizei eine Frage stellte. Die Frage betraf nicht die Umstände des Todes ihres Sohnes, sondern die Umstände seines nach achtzehn Jahren plötzlich beendeten Lebens. „Sie haben mir meinen Sohn weggenommen. Wissen Sie eigentlich, wie schwer es für mich war, ihn dazu zu bringen, auf der Schule zu bleiben und seinen Abschluss zu machen?“

          Vier Stunden lang lag die Leiche von Michael Brown auf der Straße, während die Polizei den Tatort sicherte. Vor der Absperrung drängten sich Passanten und Nachbarn. Schnell wurde aus der Versammlung eine erste Protestkundgebung. Michael Browns Stiefvater wurde mit einem Schild aus brauner Pappe fotografiert, auf das er den Satz geschrieben hatte: „Die Polizisten haben gerade meinen unbewaffneten Sohn hingerichtet.“ Das Foto verbreitete sich augenblicklich in den sozialen Medien.

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