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Terror in Boston : Jagd auf Nummer zwei

Die Polizei riegelte das Viertel Watertown hermetisch ab. Die Bewohner der Vorstadt wurden angewiesen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Bild: AP

Eine beispiellose Verbrecherjagd in Boston nach dem Anschlag auf den Marathonlauf. Die Angst vor dem Terror ist zurückgekehrt. Das öffentliche Leben steht still. Ein Verdächtiger stirbt nach einem Schusswechsel.

          Noch ist der Morgen des vierten Tages nach dem Bombenanschlag von Boston nicht angebrochen, da fällt ein grelles Licht auf die Wirklichkeit der terroristischen Gefahr in Amerika. Der Terror, so scheint es, ist nicht aus dem Inneren der amerikanischen Gesellschaft auf die Ziellinie der Marathonstrecke am Copley Square gekommen und hat dort am Montag, dem „Patriots Day“, einen acht Jahre alten Jungen und zwei junge Frauen in den Tod gerissen sowie mehr als 180 Menschen teils schwer verletzt. Es waren Tschetschenen, die den Terror ins Herz Amerikas, in die Hauptstadt von Massachusetts, trugen. Andererseits, so hören die Amerikaner in den Stunden nach dem Erwachen, haben diese mutmaßlichen Islamisten vom Kaukasus offenbar seit vielen Jahren in Amerika gelebt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach einer kurzen und zumal dramatischen Nacht befindet sich Boston am Freitag im Belagerungszustand. Ganze Busladungen von Polizisten werden aus den umliegenden Vorstädten und Landkreisen in die Stadt gefahren. Gepanzerte Einsatzfahrzeuge und Humvee-Jeeps, wie man sie aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan kennt, rasen durch die Stadt. Spezialisten zum Entschärfen von Bomben bewegen sich in ihren dicken Schutzanzügen wie außerirdische Wesen auf verdächtige Pakete zu, die unter Bäumen, an Bushaltestellen, scheinbar überall liegen. Fast jeder Streifenpolizist trägt ein schusssichere Weste. Das Lärmen der Polizeisirenen liegt über allem.

          Spezialkräfte der Polizei durchsuchen ein Wohngebiet in Boston

          Das öffentliche Leben ist lahmgelegt, es fahren weder Busse noch Straßenbahnen, und auch die Vorortzüge bleiben in den Depots. Die Behörden rufen die Menschen in den westlichen Vorstädten sowie in der Bostoner Innenstadt dazu auf, daheim zu bleiben und niemandem außer der Polizei die Türen zu öffnen. Die Innenstadt von Boston ist wie ausgestorben. Geschäfte, Behörden, Universitäten, Restaurants bleiben geschlossen.

          Die Luftfahrtbehörde FAA sperrt den unteren Luftraum über dem Nordwesten der Region Boston. Die Vorstadt Watertown, auf dem nördlichen Ufer des Charles-Flusses gelegen, ist weiträumig abgesperrt und wird zur Besatzungszone. Schon heißt die Vorstadt mit den Backsteinhäusern und dem europäischen Flair in den Berichten der Fernsehsender „Ground Zero der Terroristenjagd“. Die Stadt und das ganze Land halten den Atem an.

          Die Verdächtigen: „Nummer eins“mit Sonnenbrille und schwarzer Mütze, „Nummer zwei“ mit weißer Mütze auf einem vom FBI veröffentlichten Foto.

          Am Donnerstagabend hatte die Bundespolizei FBI die Aufnahmen zweier Männer veröffentlicht, die anhand von Videoaufnahmen und Fotografien vom Tatort der Doppelanschläge in der Bostoner Innenstadt als dringend tatverdächtig identifiziert worden waren. Die Pressekonferenz war schon für den Vortag angekündigt worden, wurde aber zunächst um zwei, dann um vier Stunden verschoben, und schließlich vollends abgesagt. Offenbar gab es Streit unter den Heerscharen von Ermittlern verschiedener Behörden, die Tausende von Fotos und Videoaufnahmen ausgewertet hatten. An einige Medien werden noch am Mittwochabend Fotos zweier Verdächtiger weitergegeben - mit der Maßgabe allerdings, diese nicht zu veröffentlichen. Um 17.15 Uhr am Donnerstagnachmittag schließlich tritt Richard DesLauriers, der FBI-Chefermittler von Boston, vor die Presse. Er zeigt einen kurzen Ausschnitt eines Überwachungsvideos, der kurz vor den Zwillingsanschlägen entstanden ist. Die beiden Männer, die DesLauriers nur als „Verdächtigen Nummer eins“ und „Verdächtigen Nummer zwei“ bezeichnet, seien bewaffnet und gefährlich. Wer sie erkenne, solle sich ihnen nicht nähern, sondern die Polizei alarmieren. Der erste Verdächtige trägt auf den Aufnahmen eine Sonnenbrille und eine schwarze Schirmmütze. Der zweite Verdächtige trägt eine weiße Mütze, die er mit dem Schirm nach hinten aufgesetzt hat. Beide haben Rucksäcke bei sich, in denen nach Erkenntnissen der Ermittler jene Bomben versteckt sind, die gegen 14.50 Uhr am Montagnachmittag im Abstand von zwölf Sekunden detonieren. Die beiden Männer wirken auf den Video- und Fotoaufnahmen ruhig und gelassen. Sie scheinen genau zu wissen, was sie zu tun haben, sie haben ihre Tat wohl von langer Hand geplant.

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