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Stillstand auf Kuba : Die Angst vor dem nächsten Schritt

  • -Aktualisiert am

Kommunistisches Consulting: Kubas Präsident Raul Castro hält seinen Bruder Fidel und eine Weggefährtin fest. Bild: AP

Kubas alte Garde bleibt am Ruder. Raúl Castro setzt zwar auf marktwirtschaftliche Reformen, doch viele Parteimitglieder fürchten die wirtschaftliche Öffnung. Findige Kleinunternehmer lassen sich davon aber nicht entmutigen.

          Vor sechs Jahren saß Oniel Díaz Castellanos noch im Vorstand des Bundes Junger Kommunisten. Außerdem war er der Studentensprecher der Universität Havanna. Heute ist Díaz freischaffender Unternehmensberater in der kubanischen Hauptstadt. Seine Visitenkarte fächert das Leistungsspektrum des Fünfunddreißigjährigen auf: Management, Marketing, Soziale Netzwerke, Kommunikation und Design. Sein typischer Kunde, sagt Díaz, sei männlich, zwischen 45 und 55 Jahre alt und deutlich reicher als der Durchschnittskubaner – „vielleicht weil er für eine ausländische Firma gearbeitet hat, oder weil er enge Beziehungen nach Miami hat“. Die Leute wollen ein Geschäft aufbauen, aber sie haben keinen Plan, manchmal noch nicht einmal eine Idee. Díaz hilft ihnen. Er kennt die Liste der 204 Tätigkeiten, die Kubaner seit einigen Jahren „auf eigene Rechnung“ ausüben dürfen, wie es im Jargon des Castrismus heißt. Unternehmensberatung steht nicht auf dieser Liste.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          „Nein, was ich mache, ist illegal“, sagt Díaz und legt seine bunte Werbebroschüre auf den Tisch. Die kleine, laminierte „Genehmigung zur Ausübung einer Arbeit auf eigene Rechnung“ in seinem Geldbeutel weist ihn als Buchhalter aus. „Das kommt der Sache noch am nächsten“, sagt der Jungunternehmer. „In Kuba gibt es immer viele Regeln – und noch mehr Wege, sie zu umgehen“. Deshalb stehe zum Beispiel in fast jeder Bar in Havanna auch ein Sandwich auf der Karte. „Private Bars sind nicht erlaubt, also melden die Betreiber sie als Restaurants an.“ Angst vor der Obrigkeit hätten er und seine Kompagnons nicht, sagt Díaz. „Sollen sie nur kommen. Ich stehe zu dem, was ich aufgebaut habe.“ Er verrät nicht, ob ihm das Herz in die Hose rutschte, als er den Staats- und Parteichef Raúl Castro diese Woche auf dem Parteitag verkünden hörte, dass Kleinbetriebe nur bei strikter Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben geduldet werden dürften. Präsident Castro sagte, „dass die grundlegenden Produktionsmittel im Eigentum des ganzen Volkes verbleiben“. Auch in den nächsten fünf Jahren als Parteichef werde er dafür bürgen, dass der Kapitalismus in Kuba nie wieder Fuß fasse.

          Auf dem vorigen Parteikongress der Kommunisten 2011 hatte der Präsident noch die Ausweitung des sogenannten Privatsektors angekündigt. Diesmal wusste er, dass nicht nur sein gestrenger Bruder Fidel die Sache skeptisch sieht. Vielen Parteifunktionären ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass sich in Havanna eine Kaste neureicher Unternehmer breitmacht. Die große Mehrheit der rund 500.000 Selbständigen ist von Wohlstand zwar weit entfernt. Die allermeisten sind faktisch Angestellte der neuen Restaurants oder kleiner Handwerksbetriebe und kommen allenfalls etwas geschmeidiger über die Runden als die Bediensteten in Staatsunternehmen, die monatlich mit umgerechnet rund zwanzig Euro und immer kleiner gewordenen Lebensmittelrationen abgespeist werden. Doch es gibt inzwischen auch Leute, die sich Rat bei einem Fachmann wie Díaz holen, weil sie hohe fünfstellige Dollar-Beträge in Kuba investieren wollen. Das hat sich beschleunigt, seit es der amerikanische Präsident Barack Obama den Kubanern in Amerika erlaubt hat, ihren Familien unbegrenzt Geld zu überweisen. Rund drei Viertel aller Geschäftsinvestitionen in Kuba dürften aus dieser Quelle stammen.

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