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Brasilien : Schlammschlacht um das Präsidentenamt

  • -Aktualisiert am

Fast gleich auf mit der Amtsinhaberin: Präsidentschaftskandidat Aécio Neves, hier an der Copacabana in Rio de Janeiro, hat Chancen auf den Sieg Bild: AP

Vor der Stichwahl in Brasilien bewerfen sich beide Lager mit Dreck. Aécio Neves wird als Kokser verunglimpft, Dilma Rousseff für Korruption verantwortlich gemacht.

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          Schon nach ein paar Einleitungssätzen schießt sich Lula auf den politischen Gegner ein: „Aécio ist der Kandidat der Banker. Und Dilma ist die Kandidatin des brasilianischen Volkes“, ruft der frühere Präsident Luiz Inácio Lula da Silva von der Rednerbühne im grünen Wohnviertel Santa Tereza im Osten von Belo Horizonte. Die Menge johlt und schwenkt die roten Fahnen an diesem außergewöhnlich heißen Oktobertag im brasilianischen Frühling.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Dass der Präsidentschaftskandidat Aécio Neves der Amtsinhaberin Dilma Rousseff vorgehalten hat, für den Korruptionsskandal beim halbstaatlichen Öl- und Gaskonzern Petrobras mitverantwortlich zu sein, findet ihr Ziehvater Lula respektlos: „Sein Verhalten ist nicht das eines Kandidaten“, ruft Lula und reckt den linken Zeigefinger in die Höhe, „es ist das Verhalten eines Papasöhnchens, der glaubt, andere müssten immer tun, was er will“.

          Er frage sich, fügt Lula hinzu, ob Neves „sich trauen würde, so grob zu sein, wenn sein Gegner ein Mann wäre“. Dann putscht ein Rapper die Menge mit den Worten auf, Neves sei „ein Bastard und verdorbener Playboy“, der bei ausufernden Partys Kokain zu schnupfen pflege und zudem seine Frau schlage. Die Menge johlt „Schnupfer Aécio!“ und schwenkt die roten Fahnen.

          Politisches Spiegelbild Minas Gerais

          Wenige Tage vor der Stichwahl im Rennen um das brasilianische Präsidentenamt wird im Wahlkampf noch einmal kräftig ausgeteilt. Und kein brasilianischer Politiker weiß mit seinen markigen Sprüchen das Publikum so einzuheizen wie Rousseffs Amtsvorgänger und wichtigster Wahlhelfer Lula. Von seiner großen Beliebtheit profitiert seine farblose Nachfolgerin Dilma Rousseff, die Lula vor vier Jahren selbst ausgewählt hat, noch heute.

          Dilma Rousseff und ihr Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva beim Wahlkampf in São Paulo
          Dilma Rousseff und ihr Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva beim Wahlkampf in São Paulo : Bild: Reuters

          Es ist kein Zufall, dass er sich Belo Horizonte, die Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais als Bühne für seinen Auftritt ausgesucht hat. Denn wie der Bundesstaat Ohio in den Vereinigten Staaten ist Minas Gerais in Brasilien Indikator und Spiegelbild für die Stimmungslage im ganzen Land: Noch nie ist ein Kandidat zum Präsidenten gewählt worden, der in diesem Bundesstaat verloren hat. Er hat 21 Millionen Einwohner; nur im Nachbarstaat São Paulo leben noch mehr Menschen - und Wähler.

          Zudem bildet Minas Gerais die politisch-soziale Spaltung Brasiliens ab: Im wohlhabenderen industrialisierten Südosten des Bundesstaates um die Hauptstadt Belo Horizonte hat die konservative, unternehmerfreundliche Sozialdemokratische Partei (PSDB) von Aécio Neves ihre Hochburg, während die linke Arbeiterpartei (PT) von Präsidentin Dilma Rousseff in den strukturschwachen Regionen im Norden und Westen bei der auf staatliche Sozialleistungen angewiesenen Bevölkerung mehr Unterstützung genießt.

          Im ersten Wahlgang vom 5. Oktober stimmten 43,5 Prozent der Wähler in Minas Gerais für Rousseff. Auf Neves, der von 2002 bis 2010 Gouverneur des Bundesstaates war und mit 92 Prozent Zustimmung aus dem Amt schied, entfielen 39,8 Prozent der Stimmen. Der in Minas Gerais und im ganzen Land drittplatzierten Kandidatin Marina Silva von der linksliberalen Sozialistischen Partei (PSB) gaben in Minas Gerais 14 Prozent der Wähler die Stimme; Silva und die PSB haben ihre Anhänger aufgerufen, in der Stichwahl für Neves zu stimmen.

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