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Stichwahl : Argentinien vor dem Neuanfang

  • -Aktualisiert am

Doch vor dem Stichentscheid vom Sonntag ist von Überdruss nichts zu spüren. Weil alles so neu ist, scheinen viele der 32 Millionen Wahlberechtigten im Gegenteil fast von Wahlfieber erfasst. Buenos Aires und andere Städte Argentiniens sind mit Wahlplakaten der beiden Kandidaten buchstäblich tapeziert. Am vergangenen Sonntag standen sich Scioli und Macri in einer direkt übertragenen Fernsehdebatte gegenüber, auch dieses Rededuell war ein Novum. Von substantiellen Plänen der Kandidaten, die beide aus reichen Elternhäusern stammen und seit Jahren Duzfreunde sind, war während der 75 Minuten nicht viel zu erfahren.

Eine eindeutige Handschrift

Der neue Favorit Macri trat mit offenem Hemdkragen auf, wirkte gelöst und präsidentiell. Scioli, unvermittelt vom Spitzenreiter zum Herausforderer degradiert, wirkte in jeder Hinsicht zugeknöpft, konnte seine Nervosität nur schwer ablegen und kam erst in der zweiten Hälfte der Debatte in Schwung. Beide hielten sich an die Vorgaben, Empfehlungen und Mustersätze ihrer Berater und Redenschreiber. Macri versprach den „Wandel, den sich die Argentinier wünschen“, während Scioli für die Fortsetzung des gescheiteren „Kirchnerismus“ stehe: Inflation, Rezession und Devisenkontrollen. Scioli warf Macri vor, den Ausverkauf des argentinischen Pesos an die internationale Finanzwelt sowie den Kniefall Argentiniens vor den „Geiern“ der Hedgefonds und vor dem Internationalen Währungsfonds zu betreiben. Das werde zu Arbeitslosigkeit, Verschuldung und Armut führen, warnte Scioli. Macri versprach seinerseits, in den nächsten zehn Jahren zwei Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen und die umfangreichen Sozialleistungen für Bedürftige beizubehalten.

Der Schlagabtausch entsprach den Mustern des vierwöchigen Wahlkampfs vor dem Stichentscheid. Sciolis Leute warfen gleich nach dem ersten Wahlgang die Angstmaschine an: Macri werde die sozialen Errungenschaften von zwölf Jahren „Kirchnerismus“ kassieren und soeben erst eröffnete Krankenhäuser schließen lassen. Die Kampagne Sciolis trug die Handschrift von João Santana, dem Wahlkampfstrategen der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff. Santana, der erfolgreichste Kampagnenplaner Lateinamerikas, hatte vor Jahresfrist in einem Werbespot vor der Stichwahl in Brasilien den konservativen Herausforderer Rousseffs als Kumpanen von feixenden Bankern dargestellt, die den kleinen Leuten buchstäblich das Abendbrot vom Teller stehlen. Santana beeilte sich mitzuteilen, ungeachtet seiner jüngst so häufigen Besuche in Buenos Aires sei er nicht offiziell für Scioli tätig.

Macri warf seinerseits Scioli und der Regierung Kirchner vor, mit geschönten Statistiken das wahre Ausmaß der Wirtschaftskrise zu verschleiern. So hatte Aníbal Fernández, Kabinettschef von Präsidentin Kirchner, kürzlich behauptet, in Argentinien gebe es dank der Politik der vergangenen zwölf Jahre heute weniger Arme als in Deutschland. Tatsächlich hat das Statistikamt der Regierung in Buenos Aires jüngst eine Armutsquote für Argentinien von 4,7 Prozent ermittelt. Die Forscher der Katholischen Universität Argentiniens (UCA) kommen dagegen für das Jahr 2014 auf einen Armenanteil von 28,7 Prozent und sogar auf einen Anstieg gegenüber dem Vorjahr von 1,3 Prozentpunkten. „Gibt es in Argentinien weniger Arme als in Deutschland - ja oder nein?“, wollte Macri von Scioli in der Kandidatendebatte wissen. Der blieb die Antwort schuldig.

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