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Demokraten in Amerika : Pyjamaparty im Kongress

  • -Aktualisiert am

Den Demokraten des Repräsentantenhauses reicht es. Sie wollen eine Abstimmung zum Waffengesetz mit einem Sitzstreik erzwingen. Bild: Reuters

Der Sitzstreik der Demokraten im Repräsentantenhaus ist nach fast 26 Stunden beendet. Es war eine durchzechte Nacht, wie sie die amerikanische Demokratie lange nicht mehr erlebt hat. Das Protokoll einer Übernachtungsfeier mit traurigem Anlass.

          Es war eine Übernachtungsparty der besonderen Art, die sich gerade in Washington abspielte. Zunächst einmal lief sie schon seit 11.25 Uhr am Mittwochmorgen (Ortszeit) – etwas früh für den Beginn einer solchen Veranstaltung – und dann sind die Gäste auch keine kichernden, jungen Mädchen, oder frechen Jungs, die immer, wenn Schritte auf dem Flur zu hören sind, schnell das Licht ausknipsen. Es handelte sich viel mehr um eine Gruppe überwiegend älterer Menschen, die es sich auf dem Boden des Repräsentantenhauses gemütlich gemacht hatten. Und wer graue Haare hat, der veranstaltet doch eigentlich keine Pyjamapartys mehr.

          Oder doch?

          Die Aktion der demokratischen Abgeordneten des Repräsentantenhauses, einer der beiden Kammern des amerikanischen Kongresses, war eigentlich keine Übernachtungsparty,sondern in den Augen der Demokraten ein drastisches, aber dringend notwendiges Mittel, um die Republikaner zum handeln zu zwingen. Denn nach dem Massaker in Orlando wurden, einem traurigen Ritual folgend, wieder die Rufe nach einem strengeren Waffengesetz laut. Und wie jedes Mal zerschlugen sie sich schnell wieder.

          Vom Demokrat zum Rebell

          Den Demokraten reicht es. Sie wollen sich von den Republikanern nicht mehr sagen lassen, wie die Waffenpolitik des Landes aussehen soll, obwohl diese eigentlich die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments haben. Nicht mal mit sich reden lassen wollen die Republikaner, nicht mal eine Abstimmung über eine Gesetzesinitiative lassen sie ansetzen. Und dann hatten die Demokraten die Faxen auf einmal dicke.

          Sie widersetzten sich der Autorität des Republikaners und Parlamentssprechers Paul Ryan. Sogar die ältesten Abgeordneten der Demokraten waren auf einmal wieder jung, dynamisch, richtig rebellisch. Als Ryan am Nachmittag eine Pause einberief wegen der andauernden Unruhen und die Kameras, die die Sitzungen normalerweise live übertragen, abgeschaltet wurde, präsentierten die Demokraten sich als „digital natives“ und streamten die Ansprachen ihrer Parteifreunde über die Smartphone-App „Periscope“ live im Internet. Dazu hatten sie eine selbstgebastelte Kollage neben dem Rednerpult aufgestellt, mit Bildern der Opfer von Waffengewalt.

          Zehntausende schauten online zu, kommentierten im Internet, auf Twitter, auf Facebook, und im Live-Stream von „Periscope“, sodass die Smartphone-Besitzer auf dem Teppichboden des Kongresses die Kommentare der Außenwelt direkt mitlesen konnten. Auf einmal kam Schwung in die ansonsten eher monotone Arbeit des Plenums, und auch die Debatte zum Waffenrecht, die eigentlich als eingeschlafen galt, erwacht.

          Ryan bittet um Ordnung, die Demokraten brüllen „Schande!“

          Nach zehn Stunden Sitzstreik versuchte Ryan die Abgeordneten endlich zu Ruhe und Ordnung aufzurufen. Nur, man konnte seine Stimme im Raum nicht hören. Sie wurde übertönt von den Rufen der wütenden Demokraten. Sie brüllten „No bill, no break!“ – auf deutsch heißt das „kein Gesetzesentwurf, keine Pause!“ – und hielten Blätter hoch, auf denen die Worte, die sie Ryan an den Kopf warfen, nochmal schwarz auf weiß standen.

          Ryan gab vorerst auf und verließ das Rednerpult. Die Demokraten brüllen „Schande!“

          Zu dieser Zeit saßen die Demokraten bereits seit Stunden auf dem Teppichboden, machten den Nachmittag und frühen Abend über weiter und hielten sich wach mit Ansprachen zum Kampf für ein strengeres Waffengesetz, sie beteten für die Opfer von Waffengewalt und sangen. Dazu gab es – ganz im Stil einer Pyjamaparty – Snacks in Hülle und Fülle: Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts versorgte die Anwesenden spät am Mittwochabend mit tütchenweise süßen Leckereien der amerikanischen Restaurantkette „Dunkin' Donuts“, Senator Sherrod Brown aus Ohio und Senator Richard Blumenthal aus Connecticut stifteten M&Ms, Eiskonfekt und Kekse mit Schokoladenstückchen.

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