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Araber und Amerikaner : Szenen einer Zweckehe

  • -Aktualisiert am

Scheidungsgründe werden ignoriert: König Salman und Präsident Obama im November auf dem G-20-Gipfel in Antalya Bild: AP

Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien ist abgekühlt. Riad wähnt sich unabhängiger denn je.Trotzdem dürfte das Bündnis halten – in der Region steht zu viel steht auf dem Spiel.

          4 Min.

          Parallel zu offenkundigen Meinungsverschiedenheiten über regionale Sicherheitsbedrohungen und die jeweils bevorzugten Antworten darauf geht die enge amerikanisch-saudische Sicherheitskooperation weiter.“ So resümierte der wissenschaftliche Dienst des amerikanischen Kongresses vor wenigen Monaten nüchtern, wie es um das Verhältnis zwischen Washington und Riad bestellt ist. Es fehlt nicht an dramatischeren Schilderungen: So oft ist die mehr als acht Jahrzehnte alte „Freundschaft“ zwischen den beiden radikal verschiedenen Mächten in den vergangenen Jahren erschüttert worden, dass manche Fachleute einen Bruch erwarten. Doch Saudi-Arabien und Amerika haben schon manche Eiszeit durchschritten, ohne voneinander loszukommen. Ihr Bündnis hat die Ölkrisen der siebziger Jahre ebenso überdauert wie den 11. September 2001, an dem der saudische Al-Qaida-Anführer Usama Bin Ladin Amerika angreifen ließ.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Amerikas Eintreten für Demokratiebewegungen in Ägypten und anderswo hat die ängstliche Königsfamilie zutiefst erschreckt, denn wenn Washington seinen verlässlichen Partner-Diktator Husni Mubarak fallenließ, dann schienen auch die Treueschwüre gen Riad wenig wert zu sein. Das von Präsident Barack Obama eifrig verfolgte Atomabkommen mit Iran hat Riad zwar zähneknirschend gutgeheißen. Aber das Königshaus glaubt nicht an seinen Erfolg, liebäugelt mit nuklearer Aufrüstung und kämpft gegen den Machtzuwachs des Teheraner Erzrivalen erbittert an.

          Abhängigkeit von fremdem Öl verringert

          Der Fracking-Boom hat Amerikas Abhängigkeit von fremdem Öl verringert, und der saudische Einfluss auf den Weltmarktpreis schwindet. Das Gemetzel in Syrien, für Obama lange Zeit „der Bürgerkrieg anderer Leute“, hat in Saudi-Arabiens Nachbarschaft einen dschihadistischen Quasistaat entstehen lassen, der die Al-Saud-Familie nicht nur terroristisch bedroht, sondern als „Islamischer Staat“ (IS) auch ihre Legitimation als Hüterin der muslimischen Heiligtümer untergräbt. Amerika beobachtet mit Schaudern, wie rücksichtslos und beratungsresistent die Saudis ihr amerikanisches Militärgerät eingesetzt haben, um erst in Bahrein und nun im Jemen ihre Interessen durchzusetzen.

          Schließlich haben die Saudis Washingtons Warnungen in den Wind geschlagen und vor wenigen Tagen nicht nur mit Massenhinrichtungen ihre Bevölkerung eingeschüchtert, sondern dabei auch das Todesurteil gegen den schiitischen Ajatollah Nimr Baqir al Nimr vollstreckt – und die erwartbare Reaktion in Teheran zum Anlass genommen, um die diplomatischen Beziehungen zu kappen. Das alles nur wenige Wochen nachdem Amerika die beiden Feinde an einen Tisch bekommen hatte, um mit der Entwirrung des syrischen Knotens zu beginnen. Doch Washington schluckt seinen Ärger herunter: Obamas Regierung konnte sich nicht zu einer Verurteilung der Hinrichtung durchringen. Man halte beide Seiten zur Deeskalation an und vertraue darauf, dass die Syrien-Gespräche zwischen dem (von Iran unterstützten) Assad-Regime und dessen (von Saudi-Arabien geförderten) Gegnern am 25. Januar beginnen könnten, wiederholen Sprecher des Weißen Hauses und des Außenministeriums seit Tagen.

          Außenminister John Kerry telefonierte mit Teheran und Riad. Doch Washington versicherte, dass man sich nicht in einer Vermittlerrolle sehe, und von einer Äquidistanz zu Iran und Saudi-Arabien könne keine Rede sein: Während man in Teheran nicht einmal eine Botschaft habe, verbänden Amerika mit Saudi-Arabien „viel stärkere und effektivere Beziehungen“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses. Obama griff zunächst nicht zum Telefon. Der Präsident weiß, wie begrenzt sein Einfluss in Riad ist. Im Mai hatte ihn König Salman düpiert, als er seine vom Weißen Haus schon angekündigte Teilnahme am Camp-David-Gipfel mit den arabischen Golfstaaten kurzfristig absagte. Salman kam dann zwar im Juli und ließ sich Zustimmung zum Iran-Abkommen abringen. Doch das Misstrauen beruht auf Gegenseitigkeit.

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