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Anklage gegen Republikaner : Der Fall eines moralisch Unangreifbaren

  • -Aktualisiert am

Der Republikaner Dennis Hastert im Oktober 2006. Bild: dpa

Der amerikanische Bundesstaat ist zwar an den Anblick von Politkern in Handschellen gewöhnt, doch die Anklage gegen Dennis Hastert kam überraschend. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern hat er sich allerdings nicht bereichert.

          In Washington wie in seinem Heimatstaat Illinois war die Überraschung groß, als ein Staatsanwalt in Chicago die Anklage gegen Dennis Hastert verkündete. Wegen Verletzung des Bankgesetzes droht dem Republikaner, der zwischen 1999 und 2006, länger als jeder andere Konservative, als „Speaker of the House“ die größere Kongresskammer führte, eine mehrjährige Haftstrafe. Selbst Kenner des politischen Betriebs gaben sich am Freitag schockiert. Dabei haben die Bürger von Illinois schon viele ihrer Politiker in Handschellen gesehen.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Vier der letzten neun Gouverneure des Staats landeten im Gefängnis. Zuletzt hatte Rod Blagojevich das Amt des Juniorsenators von Illinois meistbietend verkaufen wollen, da der Amtsinhaber Barack Obama ins Weiße Haus umzog. Legendär ist auch der Demokrat Dan Rostenkowski aus Chicago, der in den achtziger Jahren ein mächtiger Strippenzieher im Repräsentantenhaus geworden war und sich dergestalt bereicherte, indem er auf Steuerzahlerkosten gekaufte Briefmarken in der Poststelle des Kongresses in Bargeld umtauschte.

          Doch Hastert, der erst nach einem guten Jahrzehnt als High-School-Lehrer und Ringer-Trainer im ländlichen Illinois in die Politik gegangen war, war nicht wie die anderen. Seiner Erdverbundenheit verdankte er 1998 seinen plötzlichen Aufstieg. Damals trat Newt Gingrich als „Speaker“ zurück, weil die Republikaner bei den Zwischenwahlen schlecht abgeschnitten hatten. Der designierte Nachfolger Bob Linvingston schied wegen einer außerehelichen Affäre aus: Da die Republikaner Präsident Bill Clinton wegen der Lewinsky-Affäre des Amtes entheben wollten, mussten sie mit moralisch unangreifbarem Personal in die Schlammschlacht ziehen. So wurde der als grundanständig geltende Hastert zum Konsenskandidaten.

          Noch bei seinem Abschied im Jahr 2007 verwies Hastert wie stets auf seine Wurzeln als Lehrer in Yorkville. Doch seit jenen fernen Tagen, so scheint es jetzt, muss er eine Leiche im Keller haben. Denn tatsächlich ist er wohl nicht wie die anderen korrupten Politiker aus Illinois: Er soll sich nicht bereichert haben, sondern heimlich große Summen aus seinem Vermögen an eine in der Anklageschrift nicht näher beschriebene Person aus Yorkville gezahlt haben, die Hastert fast ihr ganzes Leben lang gekannt habe und der er offenbar vor langer Zeit etwas angetan hat. Laut Anklageschrift konfrontierte diese Person Hastert im Jahr 2010 mit diesem Vorwurf und er willigte ein, ihr 3,5 Millionen Dollar als Entschädigung und Schweigegeld zu zahlen.

          Da eine Bank Hasterts zahlreiche Bargeldabhebungen von jeweils 50.000 Dollar meldete, wie es Finanzinstitute in Amerika tun müssen, nahmen die Steuerfahndung und das FBI Ermittlungen auf. Im vorigen Dezember stellten die Ermittler den früheren Politiker, der inzwischen als mächtiger Lobbyist Millionen einnahm, zur Rede. Vertraue er denn den Banken nicht mehr? „Ja, ich habe das Bargeld behalten“, behauptete Hastert. Die Geschworenen von Chicago haben ihn am Donnerstag deswegen auch der Falschaussage angeklagt. Worin sein „früheres Fehlverhalten“ besteht, bleibt der Phantasie der Amerikaner überlassen.

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