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Religion am Arbeitsplatz : Mein Boss ist mein Hirte

  • -Aktualisiert am

Bibelstunde am Mittagstisch: Im Konferenzraum des Autohauses beten Joey Holland und seine Mitarbeiter. Bild: Andreas Ross

Ein Auto-Händler in West Virginia sieht sich als Missionar. Weil er die Fahrzeuge in Gottes Auftrag verkaufe, müsse der Staat seinen Betrieb wie eine Kirche behandeln. Genießen Firmen Religionsfreiheit? Bald entscheidet der Supreme Court.

          7 Min.

          Was sein Freund und Chef ihm an jenem Montagmorgen im Autohaus eröffnete, klang in Don Taylors Ohren völlig verrückt. „Aber ich habe Joey nicht nur zugehört“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer von Joe Holland Chevrolet, der plötzlich um das Überleben der Firma bangte. „Vor allem habe ich ihn beobachtet. Und ich sah, dass er mit sich völlig im Reinen war. Also habe ich unseren 150 Mitarbeitern seinen Kurswechsel verkauft.“ Joey Holland hatte eine Änderung der Öffnungszeiten verfügt: ab sofort sonntags geschlossen. Doch wie überall in Amerika kaufen die meisten Leute auch in West Virginia ihre Autos am Wochenende, und die anderen sechs Chevrolet-Händler rund um die Hauptstadt Charleston hielten ihre Pforten offen. Die Verkäufer fürchteten um ihre Provisionen, von denen sie leben. Joey Holland hatte die Sache nicht einmal durchgerechnet. „Aber der wohl wichtigste Beschluss meines Geschäftslebens“, sagt Holland, „war zugleich der leichteste. Denn Gott hatte zu mir gesprochen.“

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Fast 16 Jahre ist es her, dass er an die Glastüren seines Ladens den Hinweis kleben ließ: „Sonntags zu Ehren des Herrn geschlossen.“ Für Joey Holland markierte das die zweite Etappe seiner Wandlung, die zwei Jahre zuvor begonnen hatte. „Bis dahin war ich den Lebensfreuden sehr zugeneigt gewesen“, sagt der braungebrannte Autohändler. So sehr, dass sein Schwager ihn zu einem Motivationsseminar für Männer schleppte, die vom rechten Weg abgekommen waren. Von diesem Wochenende in Indiana kehrte Holland als „born-again Christian“ heim: Wie nach einer Wiedergeburt fühlte er eine persönliche Verbindung zu Gottes Sohn. „Ich merkte erstmals, wie ich als Ehemann und Vater versagt hatte“, berichtet der Neunundfünfzigjährige. Er suchte sich eine neue Kirche. „Es war ein abrupter Wechsel für meine Frau und unsere vier Kinder.“ Vorbei waren die braven Gottesdienste bei den Presbyterianern, wo man immer gesagt bekam, wann man stehen oder sitzen, beten oder singen sollte. Jetzt gingen die Hollands zu einem Pastor, der keinen konfessionellen Dogmen folgt und seine Gemeinde lehrt, ihre Liebe zu Christus herauszuschreien. Und der eines Sonntags im Herbst 1998 so eindrücklich über die Zehn Gebote predigte, dass Joey Holland auf der Stelle Umkehr gelobte: Fortan würde er den Sabbat heiligen und die Firma gottgefällig führen.

           „Das ist kein Experiment“

          Noch vor Don Taylor unterrichtete er seinen Vater, der ihm den Betrieb einst überlassen hatte. Der Senior hatte große Bedenken, aber sein Sohn stellte klar: „Das ist kein Experiment. Ich bleibe dabei, auch wenn wir Geld verlieren.“ Diese Episode erzählt Holland besonders gern. Denn das Jahr 1999, in dem er die Kundschaft erstmals an jedem siebten Tag aussperrte, wurde das lukrativste seit langem. „Das war übernatürlich“, sagt Holland, noch immer triumphierend. „Ich war bereit, für meinen Glauben Dollars zu opfern, und Gott hat es uns vergolten.“ Es sollte nicht mehr lange dauern, bis auch Hollands treuer Vize Taylor sein Leben umkrempelte und den Chef zur Kirche begleitete. „Wann wurdest du noch mal errettet?“, fragt Holland beiläufig. „Oh, das muss so 2011 gewesen sein“, antwortet Taylor. Und bis heute vergehe kaum ein Tag, an dem nicht mindestens ein Kunde beim Kauf eines Autos oder eines Trucks gestehe, dass er extra zum christlichen Kfz-Händler gekommen sei.

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