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Religion am Arbeitsplatz : Mein Boss ist mein Hirte

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Mathias sagt, er sei froh, dass es zwischen den Sonntagen noch den betrieblichen Bibel-Lunch am Mittwoch gebe, um ihn durch die Woche zu tragen. Mehrere Kollegen nicken. Einer wirft ein, er komme sonntags weiter ohne Pastor aus. „Dieser Laden ist meine Kirche.“ Eine Stunde ist verstrichen, und Joey Holland schickt seine Verkäufer schnell auf den Hof, wo er Kundschaft erspäht hat. „Wir halten hier nicht den ganzen Tag Händchen und singen ‚Kumbaya‘“, sagt er. Rechne er alle Betriebskosten zusammen, so koste es ihn „jeden Morgen 31000 Dollar, die Türen aufzumachen. Wir müssen dringend Geld verdienen.“

„Der Herr hat mir das Geschäft geliehen“

Aber lässt sich das problemlos mit Gottes Geboten vereinbaren, sofern man nur sonntags pausiert? Wie verträgt sich der Spritverbrauch des bulligen Acht-Zylinder-Bestsellers Tahoe mit dem Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung? Wie passt der knallige Lack der Sportschlitten Camaro und Corvette zur biblischen Mahnung: Du sollst keine Götter neben mir haben? Joey Holland gerät kurz aus dem Tritt und sagt knapp, mit solchen Fragen quäle er sich nicht. Aber rasch fasst er sich wieder. „Ich bin ein Marktplatz-Missionar“, erklärt er dann. „Ich kann diese Branche nicht ändern. Aber ich werde deshalb mein Geschäft nicht aufgeben. Gott braucht mich hier.“ Streng genommen, fügt Holland noch hinzu, besitze er das Autohaus ja gar nicht. „Der Herr hat mir das Geschäft geliehen. Ich führe es zu seinem Ruhme.“ Und deshalb sieht er nicht ein, dass die Regierung seine Firma in Sachen Krankenversicherung anders behandelt als Kirchen oder religiöse Organisationen, die nicht gewinnorientiert arbeiten und Ausnahmen beanspruchen dürfen. Schwangerschaften seien Gottes Plan zur Vermehrung der Menschheit, erklärt Joey Holland.

Sehr viel tiefer hat sich der Autohändler mit den politischen und juristischen Gesichtspunkten des historischen Rechtsstreits nicht beschäftigt. Mit seiner Klage habe er eine pastorale Entscheidung getroffen, keine politische, und es gehe ihm auch nicht um Barack Obama. Eine Einladung von Republikanern, auf Fundraising-Partys zu sprechen, habe er kürzlich abgelehnt, sagt Holland. „Ich bin kein Aktivist“, beteuert er gleich mehrmals. Fast scheint es, als hätten ihn, der so wenig Zweifel kennt, am Ende doch die vielen Beschwerden und Boykott-Bekundungen beeindruckt. Angestammte Kundinnen schickten böse Mails, anonyme Anrufer hinterließen Drohungen. Gerade erst hat sich eine Studentin der 500 Meilen entfernten Rutgers-Universität in New Jersey die Mühe gemacht, die Namen der gut 30 Frauen herauszufinden, die Holland beschäftigt. An jede einzelne hat sie dann einen Appell geschickt: Es sei an der Zeit, dem Fundamentalisten im Chefbüro Paroli zu bieten.

Aber Holland gibt sich überzeugt, dass die Mitarbeiterinnen auf seiner Seite stehen. Als Allererstes habe er sie damals zusammengerufen und ihnen seinen Schritt erläutert, berichtet der Chef. Er wolle sich weder in ihre Leben einmischen noch ihnen etwas wegnehmen, versprach er der weiblichen Belegschaft. „Aber wenn eine Frau schwanger werden und sich danach so eine Pille kaufen möchte, dann werde ich dafür gewiss nicht bezahlen.“ Noch einmal bekräftigt der Geschäftsführer, dass er Joe Holland Chevrolet nur in Gottes Auftrag und nach Gottes Anweisungen steuere. „Und das kann mir die Regierung nicht verbieten.“

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