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Religion am Arbeitsplatz : Mein Boss ist mein Hirte

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Ärzteverbände haben die Obersten Richter gewarnt, dass sich andere Unternehmer aufgrund ihrer Religion weigern könnten, für Impfungen oder gar Operationen zu bezahlen. Bürgerrechtler bangen, wenn Firmenbesitzer ihre Glaubensgrundsätze auch im Geschäftsleben zur obersten Richtschnur machen dürften, so öffne das der Diskriminierung etwa von Homosexuellen Tür und Tor. Die American Civil Liberties Union erinnerte die Richter in einem Schreiben daran, dass auch die Rassentrennung in Amerika jahrzehntelang mit Bibelworten gerechtfertigt wurde.

„Ich bete, dass alle meine Leute errettet werden“, sagt Joey Holland. „Aber ich will niemandem etwas aufdrängen.“ Erst vor kurzem habe er einem Muslim einen Job in der Werkstatt angeboten. Niemand werde gezwungen, mit den Kollegen zu beten. Das beteuern auch die sieben Mitarbeiter, die an diesem Mittwochmittag unter Fotos der neuesten Chevrolet-Modelle im Konferenzraum erst einige vom Chef bezahlte Pizzen verschlingen und danach mit ihm über Gottes Willen sinnieren.

Zwei Mitarbeiter sind aus den Bibelrunden ausgestiegen

Dabei hatten sie sich ein wenig überrumpeln lassen. Denn als Joey Holland und Don Taylor im vorigen Herbst auf ein paar Angestellte zugingen, die Christus noch nicht „gefunden“ hätten, da war nur die Rede von einem Frühstück mit der Football-Legende Joe Gibbs. Erst auf der Großveranstaltung mit dem früheren Redskins-Trainer in Charleston wurde den eingeladenen Mechanikern und Verkäufern klar, dass Gibbs inzwischen über Gott predigt – und dass ihre Chefs ihm versprochen hatten, seine Botschaft mindestens sechs Wochen lang mit ihnen nachzubereiten. Inzwischen gehen die wöchentlichen Bibelrunden in den neunten Monat. Nur zwei Mitarbeiter sind ausgestiegen. „Fünf unserer Leute hatten anfangs noch nicht einmal eine Bibel“, erzählt Holland. „Die haben wir ihnen dann besorgt.“ Aber heute bleiben die mitgebrachten Exemplare der Heiligen Schrift unberührt neben den Pizzakartons liegen. Die Gruppe guckt ein kurzes Video, in dem ein Biker seine Reise zum gottgefälligen Leben beschreibt, und danach tauschen sich die Männer über ihre inneren Hemmschwellen und den Segen der guten Tat aus.

Ein tätowierter Autoverkäufer, auf dessen Arbeitshemd der Name Mathias gestickt steht, ist dem Geplauder in stiller Konzentration gefolgt. An der Wand hinter ihm hängen mehr als zwanzig Edelholztafeln, auf denen je zwölf Messingplaketten die „Mitarbeiter des Monats“ der vergangenen Jahrzehnte ehren. Mathias war dafür nie in Frage gekommen – Joey Holland stand kurz davor, ihn zu feuern. Als der Verkäufer zum Ende des Treffens nun aber berichtet, dass er gerade einem Kirchenchor beigetreten sei, springt sein Boss strahlend auf, ruft „Gib mir fünf!“ und klatscht seinen Angestellten ab. Mathias erzählt später, er habe zwar schon bei seiner Bewerbung gewusst, dass es in Hollands Laden christlich zugehe. „Aber ich versuchte weiter, mit dem Leben auf meine Weise klarzukommen.“ Das hieß: „Alkohol und Drogen.“ Immer öfter habe er an Selbstmord gedacht. Als die Chefs ihn zu dem Frühstück mit Gibbs einluden, habe er sich erst drücken wollen. „Aber am Ende hat mir nichts so geholfen wie das hier. Auf einmal sind mir meine Mitmenschen nicht mehr egal.“

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