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Religion am Arbeitsplatz : Mein Boss ist mein Hirte

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Es ist ja nicht nur die Sonntagsruhe. Bei Joe Holland Chevrolet wird die Woche mit einem Gebet eröffnet. Mittwochs treffen sich die beiden Chefs in der Mittagspause mit ein paar Verkäufern und Mechanikern zum Bibelkreis. In der wöchentlichen Werbung gehört jetzt ein Fisch zum Firmenlogo, obwohl Forellen selbst in West Virginia keine Geländewagen kaufen. Gar nicht mehr zu bremsen ist der Chef, wenn er von der wundersamen Genesung eines Lackierers erzählt. Die Ärzte hätten nach dem plötzlichen Zusammenbruch des Mannes in der Werkstatt zuerst wenig Hoffnung gehabt. Doch sei der Mann nicht nur wenige Tage nach einem Gebet mit Kollegen am Sterbebett wieder topfit zur Arbeit erschienen, sondern Gott habe ihn auch noch von seinen chronischen Wutausbrüchen befreit. „Und das“, sagt Holland, „ist nur eine der Heilungen, die wir hier erlebt haben.“

Für die Lobbygruppe „Family Policy Council of West Virginia“ (FPCWV) war der beseelte Autohändler voriges Jahr der ideale Kandidat, um eine Klage gegen die Regierung von Präsident Barack Obama anzustrengen. In ihrem Kampf wider die liberale Demokraten-Agenda von Homoehe bis Abtreibung störten sich die Konservativen daran, dass in dem für ihren Staat zuständigen Bundesgerichtsbezirk noch kein Unternehmer die Gesundheitsreform angefochten hatte. Denn „Obamacare“ schreibt vor, dass jede vom Arbeitgeber gestellte Krankenversicherung die Kosten für sämtliche von der Medikamentenbehörde anerkannten Verhütungsmittel tragen muss. Dazu zählt auch die „Pille danach“, mit der Frauen nach dem Geschlechtsverkehr die Befruchtung der Eizelle verhindern können. Viele Christen halten das für Abtreibung. Auch Joey Holland war sofort empört, als ihn der Lobbyist am Telefon darauf aufmerksam machte, dass er unwissentlich Schwangerschaftsabbrüche finanziere. Umstandslos gab er dem FPCWV die Vollmacht für eine Klage in seinem Namen. Nun zählt sein Autohaus zu mehr als 70 amerikanischen Gewerbebetrieben, die unter Verweis auf den ersten Zusatzartikel der Verfassung sowie das „Gesetz zur Wiederherstellung der Religionsfreiheit“ von 1993 argumentieren, auch profitorientierte Firmen hätten einen Anspruch auf Religionsfreiheit.

Ärzteverbände warnen Oberste Richter

In diesen Tagen will der Supreme Court sein Urteil über zwei ähnliche Verfassungsbeschwerden verkünden. Kläger sind die von Mennoniten geführte Möbelfabrik Conestoga Wood Specialties sowie Hobby Lobby, eine Kette von 560 Bastelgeschäften mit 28.000 Mitarbeitern, in denen voriges Jahr 3,3 Milliarden Dollar umgesetzt wurden – und die den aus einfachen Verhältnissen stammenden Gründer David Green zum Multimilliardär gemacht haben. Die Stiftung des 72 Jahre alten Pfingstkirchlers aus Oklahoma lässt zurzeit in Washington, nur ein paar Blocks vom Obersten Gericht entfernt, ein bombastisches Bibelmuseum errichten. Gleichstellungsaktivisten unterstellen ihm und den anderen Beschwerdeführern, sie wollten das Rad der Frauen-Emanzipation zurückdrehen.

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