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Gewalt gegen Schwarze : Gebrochenes Rückgrat

  • -Aktualisiert am

Was geschah mit Freddie Gray?: Demonstranten am Mittwoch in Baltimore Bild: AP

Baltimore rätselt über den Tod eines weiteren Schwarzen: Der Afroamerikaner Freddie Gray war vor einigen Tagen in Polizeigewahrsam gestorben. Die Fehler von Ferguson will die Stadtverwaltung jedoch vermeiden.

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          Auch Polizisten haben Rechte. In Baltimore erinnern Gewerkschafter daran, dass man die Unschuldsvermutung nicht ablege, wenn man in die Uniform schlüpfe. Vor Zeiten erstritten sich Baltimores Polizisten das Recht, zehn Tage lang zu schweigen, wenn sie unter Verdacht geraten, etwa wegen unangemessener Gewaltanwendung. Erst am Mittwoch durften also die Vorgesetzten und internen Ermittler mit den Befragungen zum rätselhaften Tod von Freddie Gray beginnen. Bis zum 1. Mai will die Stadt erste Ergebnisse vorlegen.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Bekannt ist wenig mehr als das, was zwei Passanten am vorletzten Sonntag mit ihren Handys auf Video festhielten. Der 25 Jahre alte Afroamerikaner Gray war weggerannt, nachdem ihn ein Polizist gemustert hatte. Als er verfolgt wurde, gab Gray rasch auf. Mehrere weiße Polizisten hielten ihn am Boden fest. Der anscheinend an Asthma leidende Gray rief nach seinem Inhalator, trug aber – nach Polizeiangaben – keinen bei sich. Die Polizisten nahmen Gray in Gewahrsam, weil sie ein Klappmesser bei ihm fanden. Als sie ihn zu ihrem Kleinbus schleiften, wirkte er wie gelähmt. Doch was geschah in dem Polizeifahrzeug? Offiziell mitgeteilt wurde nur, dass Gray zornig gewesen sei und deshalb unterwegs Fußfesseln angelegt bekam. Seine Angehörigen sprechen von drei gebrochenen Halswirbeln und einem zerquetschten Kehlkopf, die Polizei bisher lediglich von einer „schweren Wirbelsäulenverletzung“. Gray wurde operiert, fiel in ein Koma und starb am vorigen Sonntag, sieben Tage nach der Festnahme.

          Baltimore : Afroamerikaner starb offiziell an Rückenmarksverletzung

          Sechs Polizisten wurden wegen der Ermittlung suspendiert. Am Dienstag leitete das Washingtoner Justizministerium eine Untersuchung ein, ob Grays Bürgerrechte verletzt worden seien. „Alles, was zusätzliche Transparenz und Vertrauen schafft, ist uns willkommen“, lobte Bürgermeisterin Rawlings-Blake. Sie ist die Tochter eines schwarzen Bürgerrechtlers und regiert die Stadt seit 2010. Den ebenfalls schwarzen Polizeichef hatte sie aus Oakland an der Westküste abgeworben. Beide Städte tun sich schwer, das Vertrauen der Afroamerikaner in die Polizei zu stärken. Fast zwei Drittel der Einwohner Baltimores sind schwarz. Allen Fans der preisgekrönten Fernsehserie „The Wire“ über die Rauschgiftbanden der Hafenstadt sind die bunten, leerstehenden Reihenhäuser allzu vertraut, die auf den Videos von Grays Festnahme zu sehen sind. Die Stadt schafft es nicht, den Teufelskreis aus Armut und Kriminalität zu unterbrechen. Vor zehn Jahren hatte sie es mit einer Null-Toleranz-Politik versucht. Allein 2005 verzeichnete die Polizeistatistik 100.000 Festnahmen – bei 640.000 Einwohnern. Bürgerrechtsgruppen verklagten Baltimore, 2010 schlossen beide Seiten einen Deal. Das Null-Toleranz-Konzept wurde zu den Akten gelegt.

          Doch das Misstrauen blieb. Für die 45 Jahre alte Bürgermeisterin und ihren Polizeichef geht es jetzt darum, im Krisenmanagement nicht die Fehler zu wiederholen, die vor allem in der von Weißen regierten Stadt Ferguson gemacht wurden, nachdem ein Polizist dort den Schwarzen Michael Brown erschossen hatte. Auch diesen Vorfall untersuchte das Justizministerium. Seine Ermittler sahen keinen Anlass, den weißen Polizisten für die tödlichen Schüsse zu rügen, aber sie fällten ein vernichtendes Urteil über den Rassismus im Polizei- und Justizwesen der Stadt. Die Untersuchung des Todes von Eric Garner, den Polizisten in New York im Würgegriff gehalten hatten, dauert an.

          „Ein frustrierender Rückschlag“

          Schockierende Bilder von Polizeigewalt gegen Schwarze kamen zuletzt auch aus South Carolina und Oklahoma. Der Polizist, der im April in South Carolina einem vor einer Verkehrskontrolle fliehenden Mann mehrfach in den Rücken schoss, wurde des Mordes angeklagt. Der 73 Jahre alte Hilfssheriff, der in Oklahoma seine Elektroschockpistole mit der regulären Schusswaffe verwechselt haben will und einen am Boden liegenden Verdächtigen erschoss, ist gegen eine kleine Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

          Keine Statistik beantwortet die großen Fragen: Wie viele Amerikaner werden jedes Jahr von Polizisten getötet? Nimmt die Gewalt weißer Sicherheitskräfte gegen Schwarze zu? Oder gibt es heute nur mehr Videobilder und öffentlichen Aufruhr nach derlei Taten? Für die Demonstranten in Baltimore hat jedoch eine andere Frage Vorrang. Was geschah mit Freddie Gray? Über Uniformkameras zur Aufklärung solcher Vorfälle wird in Baltimore schon lange geredet, aber angeschafft wurden die elektronischen Augenzeugen noch nicht. Auf Flugblättern sucht die Polizei deshalb nach echten Zeugen der Festnahme. Persönlich suchte der Polizeichef am Dienstag das Gespräch mit Anwohnern der Straße, wo Gray festgenommen wurde. Bürgermeisterin Rawlings-Blake bittet um Geduld. Doch auch sie hat schon einen Schluss gezogen: Für ihre Versuche, „die kaputten Beziehungen“ zwischen schwarzen Bürgern und der Polizei zu „reparieren“, sei der Tod von Freddie Gray „ein sehr trauriger und frustrierender Rückschlag“.

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