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Muslime in Amerika : Nach Orlando wächst die Angst

Halbzeit zum Beten: Somalier knien während eines Fußballspiels in Minneapolis. Bild: Getty

In Minneapolis haben sich Zehntausende Somalier angesiedelt. Die Polizei arbeitet eng mit Imamen zusammen, um Radikalisierung früh zu erkennen. Doch es gibt Streit um Moscheen und das Rechtsverständnis vieler Familien.

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          In diesen Tagen findet in Minneapolis ein großes Festival für Schwule und Lesben statt, mit dem die Stadt sich selbst als tolerant und offen feiert. Doch das Massaker von Orlando, bei dem der afghanischstämmige Amerikaner Omar Mateen 49 Menschen in einem Schwulenclub ermordet hat, überschattet die Veranstaltung. Der Organisator hat verschärfte Sicherheitsvorkehrungen angekündigt, wollte aber keine Details verraten. Gastwirte werden in Versammlungen von der Polizei unterrichtet.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Dass gerade in Minneapolis nun große Nervosität herrscht, ist kein Zufall. In den vergangenen 25 Jahren haben sich hier 60.000 bis 80.000 strenggläubige muslimische Somalier niedergelassen. Ein Gerichtsprozess gegen drei junge Männer der somalischen Gemeinde von Minneapolis lässt die unterschwelligen Aggressionen erahnen, die das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in der Stadt prägt. Die Männer, über deren Schicksal im Mai verhandelt wurde, wollten sich offenbar nach Syrien durchschlagen, um sich der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen.

          Seit 2007 haben sich knapp 50 Somalier aus Minneapolis abgesetzt, um sich al Shabaab anzuschließen, einer Gruppe islamistischer Kämpfer in Somalia, die Verbindungen zur Terrororganisation Al Qaida unterhält. Im Jahr 2009 sprengte sich Shirwa Ahmed in der Nähe der somalischen Hauptstadt Mogadischu in die Luft. Er hatte eine High School in Minneapolis absolviert. Später haben junge Männer und Frauen versucht, sich dem IS anzuschließen.

          Aufgrund dieser Erfahrungen hat die Polizei von Minneapolis ein eigenes Konzept für den Umgang mit der somalischen Gemeinde entwickelt. Somalisch-stämmige Polizisten tun nun Dienst, der Polizeichef sucht Kontakt zu den Imamen. Minneapolis ist eine von drei amerikanischen Städten, die für ein Programm der Bundesregierung zur Bekämpfung von gewalttätigem Extremismus ausgewählt wurde.

          Probleme bei der Zusammenarbeit

          Die designierte Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, verwies in ihrer Rede zum Massaker von Orlando auf das Programm, das Eltern, Lehrern, Imamen und Ärzten helfe, Radikalisierungstendenzen unter jungen Leuten rechtzeitig zu erkennen und der Polizei zu melden.

          In der Vergangenheit gab es gerade, was die Zusammenarbeit mit der Polizei betrifft, Probleme. Der zuständige Polizeichef Richard Stanek machte das in einer Kongressanhörung deutlich, in der er über kriminelle somalische Jugendbanden referierte. Sie versuchten, sich der amerikanischen Rechtsprechung zu entziehen, indem sie Zeugen einschüchterten. Zudem versuchten sie, der Bestrafung der Täter durch Geldzahlungen zuvorzukommen.

          „Wenn in der somalischen Kultur ein Verbrechen gegen eine Familie, einen Clan oder einen Stamm verübt wurde, wird Geld an die Familienmitglieder der Opfer gezahlt“, berichtete Stanek. Die Polizei habe feststellen müssen, dass Opferfamilien lieber Geldbeträge aushandelten, statt sich als Zeugen zur Verfügung zu stellen. Das Geld werde oft direkt an Verwandte in Somalia überwiesen, die Methode verhindere die rechtsstaatliche Aufklärung.

          Ziel heftiger Attacken

          Der bloße Verdacht, dass islamische Gemeinden in den Vereinigten Staaten ihr eigenes Rechtssystem etablieren, wird in Internetforen zornig kommentiert. Ein somalischer Professor, der an der Universität von Minneapolis islamisches Recht unterrichtete, wurde das Ziel heftiger Attacken. Er musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass Steuergeld dafür ausgegeben werde, dass er seinen Studenten in der Scharia unterrichte, die das amerikanische Rechtssystem unterminiere.

          Im Vergleich zu Muslimen in Frankreich, Deutschland oder Großbritannien gelten die Muslime in den Vereinigten Staaten als besser integriert. Klassische muslimisch geprägte Gettos sind hier selten. Bisher galt die Tatsache, dass die Muslime in einem Land mit vielen anderen Religionsgemeinschaften leben, als Faktor, der die Integration erleichtert. Knapp 48 Prozent der hiesigen Muslime haben laut einer Pew-Studie nur muslimische Freunde. Verglichen mit den Resultaten aus 39 Ländern, die Pew untersucht hat, ist das ein sehr niedriger Wert. Im Mittel sagen nämlich 95 Prozent der Muslime, sie hätten nur muslimische Freunde.

          Doch die Integrationserfolge sind so divers wie die muslimischen Einwanderer- und Flüchtlingsgruppen. Viele zehntausend iranischstämmige Muslime haben sich in Kalifornien und speziell im Großraum Los Angeles niedergelassen und sind dort heimisch geworden. Als Erfolg gilt auch die Integration der Bosnier, die vor allem im Großraum von St. Louis eine neue Heimat gefunden haben. Gemischt ist das Urteil über die Somalier, die es nach Minneapolis verschlagen hat.

          Regelmäßig Angriffe auf Muslime

          Gemessen an der gesamten Bevölkerungszahl allerdings, handelt es sich um eine kleine Gruppe. Rund 2,75 Millionen Muslime leben in dem 330-Millionen-Einwohner-Land. Im Jahr 2050 werden Muslime nach Schätzungen des Pew-Instituts 2,1 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen und damit den jüdischen Bevölkerungsanteil überschreiten.

          Die von Islamisten verübten Attentate der vergangenen Jahre haben den Argwohn in der amerikanischen Bevölkerung gegenüber ihren muslimischen Mitbürgern verstärkt. Das jüngste Massaker in dem Schwulenclub „Pulse“ mit 49 Toten dürfte diese Entwicklung beschleunigen. Schon jetzt gibt es regelmäßig Angriffe auf Muslime.

          Das Bridge-Zentrum an der Georgetown University in Washington registrierte von Ende März 2015 bis Ende März dieses Jahres 180 antimuslimische Attacken. Darunter sind Drohungen und Beleidigungen, Vandalismus in Moscheen und Friedhöfen, physische Gewalttaten, Schießereien, Bombenattentate und Morde gefasst. Fast ein Drittel dieser Anschläge (55) ereignete sich nach Angaben der Einrichtung im Dezember nach dem Attentat auf eine Weihnachtsfeier im kalifornischen San Bernardino.

          Proteste gegen Moscheen

          Lokale Spannungen entladen sich immer häufiger, wenn muslimische Gemeinden irgendwo in Amerika Immobilien kaufen und zu Moscheen umwidmen wollen. Sobald solche Pläne bekanntwerden, bilden sich Facebook-Gruppen mit Namen wie „Stop the Mosque“ (Stoppt die Moschee), und es kommt zu lokalen Protesten. Im texanischen Dallas tauchen vor einer Moschee der Black Muslims regelmäßig Protestgruppen auf, einige der Demonstranten tragen Waffen.

          Die von der Verfassung verbürgte Religionsfreiheit gewährt den Bau von Moscheen grundsätzlich, wenn nicht schwerwiegende Gründe dagegen stehen. Tatsächlich spielen Moscheen zunehmend eine wichtige Rolle dabei, vor allem junge Männer vor der Radikalisierung zu bewahren. Sie organisieren nicht nur Solidaritätsveranstaltungen mit den Attentatsopfern von Orlando und San Bernardino, sie sprechen sich auch gegen die „gottlosen“ Terrororganisationen aus. Das FBI hat einigen exponierten Imamen inzwischen Polizeischutz angeboten, weil sie vom IS in Videobotschaften bedroht wurden.

          Nach dem Massaker von Orlando wird aber auch immer häufiger danach gefragt, wie die muslimischen Prediger zur Homosexualität stehen. Nach einer Pew-Studie von 2011 ist eine Mehrheit der Muslime in den Vereinigten Staaten dagegen, dass Homosexuelle ihre Sexualität ausleben.

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