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Reise nach Lateinamerika : Putin im verlassenen Hinterhof Amerikas

  • -Aktualisiert am

Vladimir Putin will seine strategischen Partnerschaften in Lateinamerika vertiefen Bild: AFP

Der russische Präsident reist nach Kuba, Argentinien und Brasilien, um strategische Partnerschaften für Geschäfte mit Waffen und Gas zu vertiefen. Kuba wird Putin faktisch alle Altschulden erlassen.

          Mit seiner sechstägigen Reise nach Kuba, Argentinien und Brasilien von Freitag an bestätigt der russische Präsident Wladimir Putin das gesteigerte Interesse Moskaus an Lateinamerika. Anlass für Putins Reise sind das WM-Finale am Sonntag in Rio de Janeiro, bei dem Putin für Russland als Ausrichter der nächsten WM von 2018 gleichsam die Fußball-Fackel von der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff übernimmt, sowie der sechste Gipfel der BRICS-Gruppe aufstrebender Wirtschaftsmächte in der kommenden Woche in Fortaleza im Nordosten Brasiliens.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Über den Gastgebern seiner ersten Station wird Putin in Havanna das Füllhorn russischer Großzügigkeit ausschütten. Nach jahrelangen Verhandlungen beschloss die Duma in Moskau jüngst, Kuba faktisch alle Altschulden aus den Zeiten der Sowjetunion zu erlassen. 90 Prozent der umgerechnet rund 26 Milliarden Euro werden sofort gestrichen. Die restlichen zehn Prozent kann Kuba in den kommenden zehn Jahren abstottern, wobei das von Havanna an Moskau überwiesene Geld in vollem Umfang von Russland auf Kuba wieder investiert wird.

          Schuldenschnitt ein Markstein in den Beziehungen beider Staaten

          In Havanna sind Begegnungen mit Präsident Raúl Castro und dessen älterem Bruder Fidel vorgesehen, der als Revolutionsführer sowie als Staats- und Parteichef fast ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke Kubas bestimmt hatte. Das enge Bündnis des kommunistischen Regimes in Havanna mit Moskau kühlte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wegen des Schuldenstreits merklich ab. Der Schuldenschnitt ist ein Markstein in den Beziehungen beider Staaten.

          Von Havanna reist Putin nach Buenos Aires zu einem Treffen mit der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner weiter. Die Gespräche zur Vertiefung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen Russlands und Argentiniens sind von hoher symbolischer Bedeutung, weil Buenos Aires derzeit in schwierigen Gesprächen mit amerikanischen Hedgefonds die abermalige Zahlungsunfähigkeit des Landes abzuwenden versucht.

          Beim anschließenden BRICS-Gipfel der Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika in Fortaleza wird Putin die Gelegenheit zu bilateralen Gesprächen mit dem neuen indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi, dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping sowie mit Präsident Jacob Zuma aus Südafrika haben. Gastgeberin Dilma Rousseff hat auch Präsidentin Kirchner aus dem Nachbarland nach Fortaleza eingeladen. Als Beobachter werden an dem sechsten Gipfel der 2008 zunächst von vier Staaten gegründeten Gruppe – Südafrika stieß erst 2010 dazu – auch die Staats- und Regierungschefs der zum Bündnis Celac zusammengeschlossenen Staaten Lateinamerikas und der Karibik teilnehmen.

          Die wichtigste Entscheidung der Staats- und Regierungschefs der BRICS-Staaten auf dem Gipfel wird die Schaffung einer Entwicklungsbank und eines Reservefonds nach dem Vorbild der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds sein. Die Bank und der Fonds sollen mit Einlagen von zunächst jeweils 100 Milliarden Dollar ausgestattet werden, wobei China jeweils den größten Anteil der Einlagen finanzieren soll. Die BRICS-Staaten sowie andere Länder können von der Bank und aus dem Fonds Kredite zu günstigen Konditionen beziehen, um Investitionen zu leisten und akute Zahlungsschwierigkeiten zu überwinden.

          Moskau engagiert sich mit strategischen Partnerschaften

          Russland hat in den vergangenen Jahren seine Beziehungen vor allem zu den lateinamerikanischen Staaten Kuba, Venezuela, Nicaragua, Argentinien und auch Brasilien intensiviert. Moskau engagiert sich mit strategischen Partnerschaften bei der Öl- und Gasförderung und hat inzwischen auch die Vereinigten Staaten als wichtigsten Waffen- und Rüstungslieferanten in Lateinamerika abgelöst. Russland erwägt mittelfristig sogar die Einrichtung von Militärbasen in Lateinamerika und hat dazu Verhandlungen mit Kuba, Nicaragua und Venezuela aufgenommen.

          Moskaus Einfluss in Lateinamerika nimmt in dem Maße zu, in dem sich Washington immer weniger in seinem einstigen Hinterhof engagiert. So sind derzeit in zehn Ländern der Region keine amerikanischen Botschafter tätig, weil Präsident Barack Obama entweder keine Kandidaten für vakante Posten benannt hat oder weil die Bestätigung von Nominierungen von der republikanischen Opposition im Senat verhindert wird.

          Die Kosten für die WM 2018 laufen schon jetzt aus dem Ruder

          Nach dem Ausscheiden der russischen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien wurden in Moskau Forderungen laut, der italienische Trainer der Auswahl solle einen Teil seiner Millionengage zurückzahlen. Weniger beachtet wird in Russland bisher, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland ein weit gravierenderer Kostenfaktor werden dürfte als Fabio Capello. Ein Gesetz aus dem vorigen Jahr setzt für die WM als „Minimalbudget“ umgerechnet rund 15,4 Milliarden Euro fest. Schon das würde sie fast doppelt so teuer machen wie die WM in Brasilien, schreiben die auf Großveranstaltungen spezialisierten Geographen Martin Müller und Sven Daniel Wolfe von der Universität Zürich in einer Ende Juni veröffentlichten Studie anhand öffentlich zugänglicher Daten. Die WM 2018 soll in elf Städten im europäischen Teil Russlands stattfinden. Im vergangenen Juni seien, so die Studie, nur drei von zwölf Stadien so gut wie fertig gewesen. Je näher der Beginn der WM rückt, desto größer wird der Druck, desto höher der Preis – und desto größer die Profite für die Oligarchen, die hinter den beteiligten Unternehmen stehen. So sollte das Fischt-Stadion in Sotschi, in dem die Eröffnungs- und die Schlusszeremonie der Olympischen Winterspiele stattfanden und das in vier Jahren als WM-Austragungsort vorgesehen ist, laut der Studie rund 41 Millionen Euro kosten. Es seien dann mehr als 573 Millionen Euro geworden. Zwischen 2010, als Russland den Zuschlag für die WM bekam, und dem Juni dieses Jahres seien die Schätzungen für die Kosten der Stadionbauten von insgesamt rund zwei auf gut fünf Milliarden Euro gestiegen. Ein russisches Stadion, rechnen die Autoren der Studie vor, koste folglich im Durchschnitt schon nach dem, was aktuell bekannt ist, 424 Millionen Euro: mehr als doppelt so viel wie in Brasilien und dreieinhalbmal so viel wie 2006 in Deutschland. Nach der WM werde Russland eine halbe Million Stadionplätze mehr haben als heute, und schon jetzt nutzten die Teams der ersten russischen Liga nur rund 60 Prozent der Sitzplätze. Schon die Olympischen Spielen in Sotschi waren mit Kosten von rund 37,5 Milliarden Euro die teuersten der Geschichte. (frs.)

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