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Proteste in Brasilien : Woher die Wut kommt

  • -Aktualisiert am

Bewaffnete Kontrolle: Alltag in den Favelas von Rio de Janeiro Bild: Thomas Milz

Im Fokus der internationalen Öffentlichkeit durch den Confederations-Cup haben in Brasilien Angehörige aller Milieus und Schichten protestiert. Auch Bewohner der Favelas wollen nicht länger hinnehmen, dass so vieles im Land nicht funktioniert.

          Wenn Walmyr Júnior sein Tagewerk im Zentrum von Rio beginnt, hat er schon einen langen und anstrengenden Weg hinter sich. Mehr als eine Stunde muss der junge Mann im Bus sitzen, um von seinem Zuhause in der Favela Maré ins Gloria-Viertel von Rio de Janeiro zu kommen. Zur Hauptverkehrszeit drängen sich die Leute in den Bussen wie in einer Sardinenbüchse. „Die Omnibusse sind keine Massenverkehrsmittel wie Eisenbahn oder Metro, die auf einmal 2000 Personen transportieren können. In einen Bus passen gerade 40 oder 50, und die Frequenzen sind gering“, sagt Walmyr. Für ihn ist der Omnibus aber die einzige Möglichkeit, sich in der Stadt zu bewegen. Sein Arbeitsplatz befindet sich im Gebäude „Johannes Paul II.“, einem bischöflichen Bürokomplex im Zentrum von Rio. Walmyr ist einer in der Schar der jungen Leute, die Tag für Tag freiwillig im Organisationskomitee für den Papstbesuch beim Weltjugendtag Ende Juli mitarbeiten.

          Der 28 Jahre alte Student ist auf dem Weg aus dem Elend der Favela in eine bescheidene Mittelklasse-Existenz. Er studiert Geschichte, will Lehrer werden. Es fehlt nur noch die Diplomarbeit. Die hat er aufgeschoben, weil ihn sein Einsatz für den Papstbesuch voll in Anspruch nimmt. Die Favela Maré, aus der Walmyr stammt, ist die einzige in Rio, die nicht auf einem Hügel, sondern an der Guanabara-Bucht liegt, auf halber Strecke zwischen dem internationalen Flughafen Galeão und dem Zentrum von Rio. „Befriedet“, wie vorgeblich eine ganze Reihe von Favelas in Rio ist der Maré-Favelakomplex keineswegs. Den Beweis lieferte in der vergangenen Woche eine Schießerei zwischen Polizei und Rauschgifthändlern, bei der sechs mutmaßliche Bandenmitglieder, drei unbeteiligte Bewohner und ein Polizist getötet wurden.

          „Da kann kein Kind vernünftig lernen“

          Walmyr war selbst in den Strudel aus Gewalt und Drogen hineingeraten. Seine Mutter starb, als er zwölf Jahre alt war. Die Schwester zog zum Großvater in der Maré, wo sie noch heute wohnt. Walmyr zog zu seinem Vater, der kokainsüchtig war, alles Geld für Rauschgift ausgab und früh starb. Der Junge Walmyr kam zu seinem 88 Jahre alten Großvater. „Damit begann die Marginalisierung“, sagt Walmyr heute. Er begann selbst Rauschgift zu nehmen und lebte fünf Jahre lang in dem Teufelskreis von Drogen, Kriminalität und Gewalt.

          Der 28 Jahre alte Student Walmyr Júnior

          Eines Tages hatte Walmyr ein Erweckungserlebnis, als er die Kirche besuchte. Er begann in der katholischen Gemeinde in der Favela Freiwilligenarbeit zu leisten und machte seinen Schulabschluss. Und dann kam der Wunsch, zu gehen und zu studieren. Er hatte Glück, bekam ein Stipendium, um an der Päpstlichen Katholischen Universität (PUC) in Rio Geschichte und Biologie zu studieren. Wie für viele seiner Altersgenossen, die in den vergangenen Wochen bei den Demonstrationen auf die Straße gegangen sind, ist auch für Walmyr der Weg durch die Bildungseinrichtungen ein Hindernislauf gewesen. „In den Schulen sind die Klassenräume viel zu klein, und die Klassen sind zu groß“, sagt der junge Mann. Manchmal würden fünfzig Kinder in einen Raum gepfercht, in dem es keine Klimaanlagen gebe. Es fehle auch an Schulbüchern. Lehrer arbeiteten praktisch ohne didaktisches Material. „Da kann kein Kind vernünftig lernen.“

          Nicht viel anders sieht es nach Walmyrs Erfahrung an den Universitäten aus. „Lehrer kommen, wann sie Lust haben, sie schicken Studenten als Vertretung. Es gibt überhaupt zu wenige Universitäten, zu wenige Studienplätze.“ Und deshalb sind die Wege zu den Hochschulen weit. Viele Studenten brächen ihr Studium ab, weil es für sie zu mühsam und zu teuer sei, den täglichen Transport zu ertragen, und sie ihn nicht bezahlen können. Die von Studenten getragenen Proteste in den Großstädten Brasiliens in den vergangenen Wochen hatten sich an der Erhöhung der Fahrpreise entzündet. Walmyr braucht jedes Mal neunzig Minuten bis zur PUC. „Wenn ich um 7 Uhr morgens Unterricht habe, muss ich um 5 Uhr losfahren, und wenn es Staus gibt, komme ich zu spät“, klagt er. Wer dann auch noch bis zum Abend Lehrveranstaltungen besuche, müsse sich verpflegen können. Doch eine Mensa gibt es keineswegs an jeder Universität.

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