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Proteste in Brasilien : Der Weg ist die Suche nach dem nächsten Ziel

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„Die Gesellschaft verlangt Respekt“: Protest in São Paulo gegen die politische Klasse im Namen der Nation Bild: dpa

Die brasilianische Führung weiß immer noch keine Antwort auf den Aufruhr der Mittelschicht-Jugend. Aber auch die Demonstranten fragen sich nach einem ersten Erfolg, wie es weitergeht.

          Um 17 Uhr ist die Avenida Paulista dicht. Ein halbes Dutzend Hubschrauber kreist über der Metrostation Consolação, die den Beginn der achtspurigen Pracht- und Geschäftsstraße von São Paulo markiert. Von allen Seiten strömen junge Leute herbei, manche haben sich die brasilianischen Nationalfarben Grün und Gelb auf die Wangen gemalt, andere benutzen die Nationalflagge als Umhang. Viele tragen ein noch zusammengefaltetes Stück Papier oder Karton in der Hand. Dass hier heute alles anfängt, war herumgetwittert worden. Wie der Protestmarsch an diesem 14. Tag des Aufruhrs in São Paulo ausgehen würde, weiß zu dieser Stunde noch niemand.

          Tariferhöhung zurückgenommen

          Dem Geknatter der Hubschrauber setzt die Masse Trommelwirbel entgegen. Allmählich kommt der Tross in Bewegung. Hin und wieder werden Parolen gerufen, bisweilen hält der Zug auch inne. Dann wird die Nationalhymne gesungen. Jetzt entfalten die Demonstranten auch ihre Transparente und recken sie in die Höhe. Die oft ungelenk hingekritzelten Sprüche bilden das Programm des neuerlichen Marsches. „Es geht nicht um die 20 Centavos. Wir machen weiter“, heißt es auf vielen Zetteln, Kartons und Tüchern.

          Denn eine Schlacht ist gewonnen. Die Tariferhöhung im öffentlichen Nahverkehr ist in São Paulo wie in anderen Städten zurückgenommen worden. Das gibt den Unzufriedenen Zuversicht. In São Paulo hatte mit dem Protest gegen die Fahrpreiserhöhung alles begonnen. Die Studentengruppe „Passe Livre“, die mit den Demonstrationen begonnen hatte, verlangt jetzt den Nulltarif - und überhaupt eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrssystems. „Warum muss man sich im Auto anschnallen und im Omnibus stehen?“, fragt eine junge Frau.

          Unmut gegen das System

          Die Märsche in São Paulo sind noch immer eine studentische Bewegung. Es sind fast nur junge Leute aus der dank des wirtschaftlichen Aufschwungs der vergangenen Jahre mächtig angewachsenen Mittelschicht. Nicht wenige von ihnen sind aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegen und finden sich in einem politischen und gesellschaftlichen System wieder, das sie enttäuscht. „Korruption“ ist das Wort, das am häufigsten auf den Transparenten steht. Von den Politikern im fernen Brasília, die vor allem darauf bedacht sind, ihre Pfründe zu sichern, fühlen sich diese jungen Brasilianer nicht repräsentiert. Auch am 14. Tag wirkt der Marsch noch immer wie eine Art Probelauf. Ein Land übt sich im Protest. Um 20 Uhr sind nach offiziellen Schätzungen 110.000 Demonstranten auf der Paulista unterwegs.

          Der lautstarke Protest gegen die Erhöhung der Ticketpreise im öffentlichen Nahverkehr, hier in Rio de Janeiro, war erfolgreich

          Zwei Jahrzehnte lang hat es keine derartigen Protestaktionen gegeben. Damals, 1992, ging es darum, den wegen Korruptionsvorwürfen in Misskredit geratenen Präsidenten Fernando Collor de Melo aus dem Amt zu jagen. Er ist der Amtsenthebung durch Rücktritt zuvorgekommen. Doch Brasilien ist das Land des wundersamen Politiker-Recyclings: Längst zieht Collor de Melo wieder seine Strippen. Im kollektiven Gedächtnis ist er aber immer noch Sinnbild des korrupten brasilianischen Politikers. Die jungen Leute, die jetzt auf die Straße gehen, haben seine Amtszeit nicht erlebt. Ihr Unmut richtet sich gegen das gesamte politische System, das sich im Grunde nicht geändert hat.

          Rousseff ist sprachlos

          Von der Wut bleiben der auch nach acht Regierungsjahren an sich populäre frühere Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und dessen Nachfolgerin Dilma Rousseff nicht verschont. „Dilma raus!“, fordert kurzerhand eine Marschteilnehmerin auf ihrem buntbemalten Karton. Andere Marschierer erinnern Lula an den „Mensalão-Skandal“: Abgeordnete hatten monatliche Bestechungszahlungen bekommen, und Lula dürfte in die Sache selbst verwickelt sein. Viele Demonstranten nehmen Lula auch noch übel, dass er dem Land mit der Fußballweltmeisterschaft im nächsten Jahr und den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gewaltige Hypotheken aufgebürdet habe. „Wir haben nichts gegen Fußball, wir kritisieren nur die Verschwendung öffentlicher Gelder bei einem Ereignis wie der WM. Sie wären im maroden öffentlichen Gesundheitswesen und dem ebenso dahinsiechenden Bildungsystem viel besser angelegt“, sagt ein Marschierer. Ein anderer fordert auf seinem Transparent die „korrupte Fifa“ auf, in Brasilien Schulen zu bauen.

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