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Proteste in Brasilien : Der Boom als Bumerang

  • -Aktualisiert am

Gewalttätiger Protest in der Innenstadt von Rio de Janeiro Bild: AFP

Aus zaghaften Demonstrationen ist eine mächtige Protestwelle geworden, die ganz Brasilien erfasst. Es geht um Bildung, Gesundheit, Korruption und Kriminalität.

          4 Min.

          Begonnen hatte alles mit eher zaghaften Demonstrationen. Die Leute waren sauer, weil in São Paulo die Fahrkarten im öffentlichen Nahverkehr ein paar Centavos teurer wurden. Doch jetzt ist die Protestwelle zu einer mächtigen Flut angeschwollen. Am Wochenbeginn demonstrierten in fast einem Dutzend Städte Hunderttausende Brasilianer. Es ist Jahrzehnte her, dass in dem Land zuletzt so viele Leute auf die Straße gingen. Die meisten Märsche und Protestaktionen verliefen friedlich. Vereinzelt sorgten kleine gewaltbereite Gruppen für Aufruhr. In Rio de Janeiro warfen Vermummte Molotowcocktails auf das Gebäude des Regionalparlaments. In der Hauptstadt Brasília stürmten Demonstranten die Zugangsrampen und das Dach des Kongresses.

          Die Härte, mit der die militarisierte Polizei die ersten Demonstrationen zu unterdrücken versuchte, hat erheblich dazu beigetragen, dass die Sache aus dem Ruder lief. Die Empörung kochte hoch, und aus dem von einer Studentenorganisation losgetretenen lokalen Aufstand entwickelte sich eine landesweite Bewegung. Die Polizei machte sich mit ihrem harten Vorgehen rasch selbst zum Anlass für neue Kundgebungen. Mittlerweile hält sie sich zurück.

          Hilflose Regierung

          Doch den Demonstranten geht es längst nicht mehr nur um Omnibustarife und Polizeigewalt, sondern um nahezu alles, was großen Teilen der brasilianischen Gesellschaft auf den Nägeln brennt: die bis in höchste Regierungskreise verbreitete Korruption, das marode Gesundheitswesen und das ebenso schlechte Bildungssystem, die zunehmende Kriminalität - und eben auch den in den meisten brasilianischen Städten schlecht funktionierenden, aber teuren öffentlichen Nahverkehr sowie alle anderen denkbaren Infrastrukturmängel.

          Wasserschlacht mit der Polizei in Brasilia
          Wasserschlacht mit der Polizei in Brasilia : Bild: AFP

          Die Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff hat auf die Demonstrationen bislang hilflos reagiert. Gegen friedliche Proteste habe sie nichts einzuwenden, ließ sie verlauten, sie gehörten zur Demokratie. Offenbar hatte Frau Rousseff zunächst geglaubt, es handle sich tatsächlich um lokal begrenzte Scharmützel, als die ersten Bilder gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten aus São Paulo publik wurden. Spätestens als jetzt die Demonstranten in Brasília in den Regierungsbezirk vordrangen und der Kongress gestürmt wurde, muss ihr bewusst geworden sein, dass sie selbst zur Zielscheibe wird.

          Pfeiffkonzert im Stadion

          Zwei Tage zuvor hatte Frau Rousseff sichtlich verärgert auf das Pfeifkonzert reagiert, mit dem sie im Fußballstadion in Brasília bei der Eröffnung des Confederations Cup empfangen wurde. Seitdem drohen die Proteste ihr auch noch das von ihrem Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva mit so großem Enthusiasmus ins Land geholte sportliche Großereignis der Fußballweltmeisterschaft im nächsten Jahr zu vergällen. Gründe, Missstände bei der Vorbereitung der Spiele anzuprangern, gibt es freilich mehr als genug.

          Es ist abzusehen, dass der brasilianische Staat riesige Summen aufwenden muss, um noch einen halbwegs geordneten Ablauf der WM zu gewährleisten. Denn ein Großteil der Stadien wird erst in allerletzter Minute endgültig fertiggestellt sein. Und an den meisten Austragungsstätten kommt die dringend nötige Verbesserung der Infrastruktur nicht voran. Ein Rätsel bleibt allein schon, wie die notorisch überlasteten Flughäfen den Transport von Mannschaften und Besuchermassen bewältigen wollen. Dass viele Vorhaben nur auf den letzten Drücker fertig werden, hat System. Denn wenn eine bestimmte Frist überschritten ist, sind keine Ausschreibungen mehr nötig, und die beteiligten Unternehmen können für ihre Leistungen praktisch verlangen, was sie wollen. Am Ende muss der Staat und damit der brasilianische Steuerbürger die Zeche bezahlen.

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