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Unruhen in Baltimore : Weckruf der Ungehörten

  • -Aktualisiert am

Parolen am Tag danach: Ein Protestführer im Zentrum von Baltimore. Bild: AFP

In Baltimore gehen die Proteste friedlich weiter. Kaum ein Afroamerikaner traut hier mehr der Polizei. Doch die wahren Schuldigen sehen sie an anderer Stelle.

          Es ist nur eine kleine Plastikflasche Wasser, die auf die Polizeikette zufliegt. Doch sofort gellt aus vielen Dutzend Kehlen ein entsetzter Schrei über die Kreuzung. „Hört auf“, skandiert die Menge. Viele reißen die Arme hoch. Die zweite Flasche ist noch in der Luft, als sich rund fünfzig Männer und Frauen in Bewegung setzen. Sie haben sich untergehakt, den Rücken zur Polizeikette, und gehen nur ein paar Schritte nach vorn.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Das genügt, um die jungen Krawallmacher zu verscheuchen. Die Polizisten in Schutzkleidung halten ihre Schilde hoch und warten ab. Nach wenigen Minuten ist es vor dem ausgebrannten Drogeriemarkt im Westen Baltimores wieder so friedlich, dass einige entspannt die Visiere ihrer Helme hochklappen. Wo zwölf Stunden zuvor beißender Rauch in der Luft stand, durchweht an diesem sonnigen Dienstag nur ab und zu der Geruch von Marihuana die Frühlingsluft.

          Am Tag nach den schwersten Krawallen, die Baltimore seit der Ermordung Martin Luther Kings im Jahr 1968 erlebte, beschützt die Bevölkerung ihre Polizei. Das ist ein starkes Bild. Aber es trügt. „Stoppt die Polizeikiller“, steht auf dem schwarzen T-Shirt einer Frau. Sie ist eine der wenigen Weißen, die sich mit untergehakt haben.

          Genickbruch in Polizeigewahrsam

          Dieselben Leute, die sich ungeschützt vor den hochgerüsteten Sicherheitskräften aufgestellt haben und alle Provokateure aus dem Zentrum des Protests zu vertreiben versuchen, stimmen in drastische Sprechchöre ein. „Wer hat Freddie Gray getötet? Die Polizei! Für wen arbeitet die Polizei? Die Regierung!“ Nur als ein wütender schwarzer Mann durchs Megafon brüllt, dass Baltimores Polizisten „die Mörder schwarzer Männer“ seien, geht das manchen in der Menschenkette zu weit.

          Die 23 Jahre alte Afroamerikanerin Kayla Ingram ist mit ihrem Vetter Adrian hergekommen. Mit Besen und Müllsäcken haben beide stundenlang mitgeholfen, den Schutt und die Asche in der Ruine des CVS-Drogeriemarkts zu beseitigen. Kayla studiert an der Kunsthochschule, Adrian wird zum Computerfachmann umgeschult, aber alle Bildungseinrichtungen und die meisten Behörden in Baltimore bleiben heute geschlossen.

          Die Ingrams wohnen in einem etwas besseren Viertel der Stadt, aber sie fühlen sich genauso betroffen wie die Leute, die hier rund um die „Gilmore Homes“ wohnen. Hier war Freddie Gray aufgewachsen, hier wurde er am 12. April offenbar ohne triftigen Grund festgenommen. In Polizeigewahrsam erlitt er dann offenbar einen Genickbruch.

          Arbeitslosenquote von 50%

          „Wenn Polizisten Leute umbringen, werden sie höchstens entlassen und bekommen ihre Pension früher“, sagt Adrian Ingram. „Wenn wir töten, werden wir im Zweifel hingerichtet.“ Trotzdem stellt er sich schützend vor die Polizeitruppe, der er nicht traut. „Niemand sollte Opfer von Gewalt werden.“ Seine Cousine ergänzt: „Vor allem beschützen wir unsere Leute – und zwar vor sich selbst.“ So erschrocken die Ingrams und die meisten Bürger Baltimores die Plünderungen, Brandstiftungen und Attacken auf Polizisten in der Nacht verfolgten, so groß ist ihr Verständnis für die Wut. „Hier herrscht jeden Tag Krieg, in jedem Haushalt.“

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