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Brasilien : Auf die Größe kommt es doch an

  • -Aktualisiert am

100 Quadratmeter Taufbecken, Fernsehstudios, Heli-Port, Tiefgarage: Der „Tempel des Salomo“ Bild: imago/Fotoarena

In São Paulo weiht eine Pfingstgemeinde ihren gigantischen neuen Tempel. Der politische Einfluss der evangelikalen Christen in Brasilien ist groß. Selbst Präsidentin Dilma Rousseff wird bei der Eröffnung anwesend sein.

          Der Bischof trägt jetzt Bart. Keinen gestutzten, sondern einen veritablen Rauschebart. Seit mehr als einem Jahr hat Bischof Edir Macedo sein Gesichtshaar nicht rasiert. Den Bart will er erst abnehmen lassen, wenn die allerletzten Arbeiten an seinem Jahrhundertbau vollendet sind. Das könnte an diesem Donnerstag der Fall sein, wenn in Brás, einem Gemeindedistrikt im Nordosten der 20-Millionen-Stadt São Paulo, der riesige „Tempel des Salomo“ offiziell eröffnet wird. Zum Ereignis des Jahres in Brasiliens größter Stadt wird viel Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erwartet.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Angesagt haben sich zuvörderst Präsidentin Dilma Rousseff, die sich bei den Wahlen im Oktober um eine zweite Amtszeit bewirbt, und ihr populärer Amtsvorgänger Luiz Inácio Lula da Silva, der sich mit unermüdlicher Energie in den Wahlkampf für seine politische Ziehtochter geworfen hat. Auch der Gouverneur des Bundesstaates São Paulo, Geraldo Alckmin von den oppositionellen Sozialdemokraten, will zur Tempelweihe kommen, ebenso wie São Paulos Bürgermeister Fernando Haddad, einer der wichtigsten Hoffnungsträger in der linken Arbeiterpartei von Lula und Dilma.

          Der reichste Pfarrer Brasiliens

          Schließlich wird Silvio Santos erwartet, einer der reichsten Männer Brasiliens und unter ihnen gewiss der Bekannteste. Santos, dem man seine 83 Jahre dank der Fertigkeiten brasilianischer Schönheitschirurgen und Haarstylisten allenfalls auf den dritten Blick ansieht, wickelt seit gefühlten hundert Jahren die Fernsehzuschauer Brasiliens mit allerlei Quiz- und Ratesendungen ein und ist darüber zum Medienmogul und Mischunternehmer mit einem geschätzten Privatvermögen von umgerechnet gut zwei Milliarden Euro geworden.

          Ganz so reich ist Bischof Macedo nicht. Aber der heute 69 Jahre alte Gottesmann kommt nach Schätzungen des Magazins „Forbes“ immerhin auf umgerechnet fast 820 Millionen Euro. Jedenfalls ist er wohl der reichste Pfarrer Brasiliens. Als Edir Macedos Wangen und Kinn noch glattrasiert waren, meinte man, in seinen Zügen den Geschäftsmann zu erkennen. Und so gab sich Macedo auch, als er in seinem neuen Tempel vor wenigen Tagen den ersten Gottesdienst zelebrierte – vorerst noch nicht für gewöhnliche Gläubige oder die Prominenz des Landes, sondern nur für die Bischöfe und Pastoren seiner „Igreja Universal do Reino de Deus“ (Universalkirche vom Reich Gottes), die Macedo 1977 in Rio de Janeiro gegründet hat.

          Der Vergleich mit Abraham überrascht nicht

          Verglichen mit anderen globalen Glaubensgemeinschaften mag Macedos charismatische Pfingstgemeinde jung sein. Im historischen Anspruch steht die Kirche, die auch unter der Abkürzung IURD bekannt ist, den aus ihrer Sicht überkommenen Weltreligionen aber in nichts nach. Beim ersten Gottesdienst in seinem neuen Tempel trägt Macedo eine Kippa auf dem Kopf; um die Schulter hat er sich einen Tallit, den jüdischen Gebetsmantel, geschlagen; riesige Menoras leuchten in den Wandnischen. Dass sich Macedo bei der Gelegenheit mit dem biblischen Patriarchen Abraham vergleicht, überrascht nicht.

          Wie es im Buch Genesis vom Stammvater der Juden, Christen und Muslime bezeugt sei, so habe auch er, Macedo, eines Nachts „in den sternenbedeckten Himmel geschaut und die gleiche Vision gehabt“ wie einst Abraham, predigte Macedo. Es war die Vision von unzähligen Nachfahren im Glauben, die dermaleinst die Erde bevölkern würden. Nach eigenen Angaben hat die IURD heute zwölf Millionen Mitglieder, davon acht Millionen in Brasilien. Unabhängige Beobachter halten diese Zahlen für mehr als optimistisch.

          Ricardo Mariano, Religionssoziologe an der Universität von São Paulo, schätzt sie auf knapp zwei Millionen. Mariano glaubt zudem, dass die Kirche Macedos zwischen 2000 und 2010 sogar an Mitgliedern verloren hat, während die Zahl der evangelikalen Christen in Brasilien insgesamt zugenommen und die katholische Kirche weiter Gläubige verloren hat. Zwar ist Brasilien mit seinen rund 203 Millionen Einwohnern nach wie vor das Land mit den meisten Katholiken weltweit.

          Ein Potpourri aus Symbolen

          Doch die Zahl der Angehörigen protestantischer Kirchen – zumal der evangelikalen Kirchen und der Pfingstgemeinden – ist von 15 Prozent im Jahre 2000 auf gut 22 Prozent 2010 gewachsen. Die größte Pfingstkirche in Brasilien ist mittlerweile die „Assembleia de Deus“ (Versammlung Gottes) mit tatsächlich mehr als zwölf Millionen Mitgliedern. Auch der politische Einfluss der Evangelikalen und Pfingstler wächst in Brasilien. Die unterlegene Präsidentschaftskandidatin von 2010 und oppositionelle Vizepräsidentschaftskandidatin in diesem Jahr, Marina Silva, ist die wohl prominenteste Politikerin, die zur „Assembleia de Deus“ gehört.

          Die Republikanische Partei Brasiliens (PRB) wiederum ist so etwas wie der politische Arm der IURD; die PRB unterhält derzeit gute Beziehungen zur regierenden Arbeiterpartei. Dass seine Mission und seine Kirche inzwischen mit wachsender Konkurrenz um protestantische Gläubige zu kämpfen und womöglich ihren Zenit überschritten haben, ficht Bischof Macedo in seiner Vision freilich nicht an. Beim Investiturgottesdienst in seinem neuen Tempel zelebrierte er einen fidelen Synkretismus mit einem Potpourri aus den Symbolen der Weltreligionen, deren Erbe die IURD antreten oder zu denen sie immerhin gehören will.

          Sah Macedo mit Bart, Kippa und Tallit noch aus wie ein jüdisch-orthodoxer Rabbi, warfen sich der Kirchengründer, seine Bischöfe und die Pastoren beim Gebet nach Art der Muslime auf den Boden und legten die Stirn auf den italienischen Marmor. Dann weihten sie voller Inbrunst Christusfiguren, wobei die Gläubigen von ihren Bänken aufsprangen und die Arme in die Höhe rissen, so wie es beim Beten und Singen in evangelikalen und Pfingstgemeinden Brauch ist.

          Einflussreich: Edir Macedo predigt im neuen Tempel

          Zum ersten Mal, teilte die IURD ohne einen Anflug von Bescheidenheit mit, seien Bischöfe und Pastoren aus aller Welt gemeinsam mit dem Gründer und Führer der Kirche, Bischof Macedo, „vereint in einem einzigen Glauben vor den größten Altar Gottes auf dieser Welt im Tempel Salomos getreten“. Ob in dem monumentalen Gotteshaus zu São Paulo tatsächlich der größte Altar der Welt steht, sei dahingestellt. Unzweifelhaft ist, dass sich unter dem goldenen Altar ein hundert Quadratmeter großes Taufbecken befindet.

          In den Altar integriert ist zudem ein Safe, darin werden die Opfergaben der Gottesdienstbesucher gesammelt und gesichert. Mitglieder der IURD sind angehalten, den biblischen Zehnten des verfügbaren Einkommens an die Kirche zu spenden. Nach Schätzungen belaufen sich die Einnahmen der IURD allein in Brasilien auf umgerechnet gut eine Milliarde Euro jährlich.

          Für Edir Macedo, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, sich als Losverkäufer und Beamter sowie mit allerlei Aushilfsjobs durchschlug, ehe er sich vor gut vier Jahrzehnten in Rio de Janeiro zur Verkündung des Gotteswortes berufen fühlte, ist die Errichtung und Einweihung des Tempels in São Paulo nicht nur ein persönlicher Triumph, sondern so etwas wie die unwiderrufliche Aufnahme in die anerkannte gesellschaftliche Elite Brasiliens.

          Bischof Macedo im Visier der Justiz

          Seine Laufbahn als Prediger begann er auf den Straßen Rios. Das erste Gotteshaus der 1977 gegründeten IURD war eine nur notdürftig umgebaute Lagerhalle. Heute gibt es allein in Brasilien rund 4.500 Tempel der IURD. Der einstige Wanderpfarrer und selbsternannte Bischof ist zum Medienunternehmer mit eigenen Fernseh- und Radiostationen, Buchverlagen, Zeitungen und Zeitschriften aufgestiegen, der mittlerweile in mehr als hundert Ländern seine Botschaft und seine Produkte verbreitet, wobei er vor allem die portugiesischsprachigen Länder ins Visier nimmt. Eine seiner beiden Töchter treibt die Entwicklung der IURD in den Vereinigten Staaten voran.

          Immer wieder ist Macedo ins Visier der brasilianischen Justiz geraten, er wurde wegen Veruntreuung, Steuerhinterziehung und Geldwäsche angeklagt. 1992 saß er wegen des Vorwurfs der Scharlatanerie, Geisterheilung und Teufelsaustreibung gut eine Woche im Gefängnis. Das letzte Verfahren gegen Macedo wegen Geldwäsche wurde 2009 eingestellt. Ein weiteres dürfte nicht folgen: Wenn sich die Mächtigen und Reichen zur Tempelweihe des Bischof Macedo einfinden, ist das wie eine Generalamnestie für die IURD durch die Finanz- und Justizbehörden des Landes.

          Im August 2010, kaum ein Jahr nach der letzten Anklage, legte Bischof Macedo den Grundstein für die Replik des biblischen Tempels. Seither wurden in dem Salomo-Tempel und auf dem Gelände ringsum umgerechnet fast 220 Millionen Euro verbaut. 30.000 Kubikmeter Beton und 2600 Tonnen Armierstahl, zeitweise waren 1800 Arbeiter auf der Baustelle beschäftigt. Der 52 Meter hohe Tempel, für dessen Fassade Steine aus dem Heiligen Land importiert wurden, bietet nicht nur mehr als 10.000 Gläubige Platz.

          „Wir haben an nichts gespart“

          Er beherbergt auch vier Dutzend Wohnungen für den Kirchengründer, seine Familie und die wichtigsten Bischöfe. Außerdem gibt es sieben Fernseh- und Rundfunkstudios, um die Gottesdienste in alle Welt zu übertragen. Auf den Parkplätzen und in der Tiefgarage ist für 1.800 Autos und 50 Busse Platz. Auf dem Dach eines Nebengebäudes befindet sich der Heli-Port für den Bischof und seine Familie. Im Tempelhain, der dem Garten Gethsemane nachempfunden ist, wurden Olivenbäume angepflanzt.

          „Wir haben an nichts gespart“, sagt Chefarchitekt Rogério Araújo, der sich ohne Vorbehalte zum Kolossalstil des Tempels bekennt. Denn irdischer Wohlstand und dessen Zurschaustellung sind integrale Bestandteile der Prosperitätstheologie von Bischof Macedo und seiner IURD. Materieller Reichtum gilt als Zeichen der Gottgefälligkeit und Gottesnähe. Wer regelmäßig der Kirche seinen Zehnten gibt, so wird gelehrt, wird noch hienieden reiche Ernte einbringen, spirituell wie materiell.

          Von dieser Hoffnung der Gläubigen auf Reichtum lebt die Kirche – und mehrt ihren eigenen Reichtum und den ihres Gründers. Auch der Glaube an Wunderheilungen und Exorzismus sowie daran, dass der Heilige Geist den Gläubigen übernatürliche Kräfte verleihen kann, gehört zur Dogmenausstattung der IURD. Ebenso wie die Verpflichtung zu harter Arbeit, Durchhaltevermögen und Gottestreue.

          Steigende Mieten um die Touristenattraktion

          Vergleichsweise liberal ist die Haltung von Bischof Macedo und seiner Kirche zur Frage der Abtreibung: Anders als die katholische Kirche und auch die meisten evangelikalen Kirchen ist die IURD für die weitgehende Legalisierung des in Brasilien nur bei Gefahr für das Leben der werdenden Mutter zugelassenen Schwangerschaftsabbruchs.

          Vom zur Schau gestellten Wohlstandsglauben der IURD haben viele Anwohner im Stadtbezirk Brás profitiert. Schon jetzt ist der Tempel zur Touristenattraktion geworden. Die Immobilienpreise in der unmittelbaren Umgebung des Tempels sind gestiegen. Fátima Hajar ist Verkäuferin und lebt seit Jahr und Tag in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Brás. Von ihrem Balkon aus hat sie einen unverstellten Blick auf das Eingangsportal des neuen Tempels. Sie ist bereit, ihre Wohnung jetzt zu verkaufen, mit schönem Profit.

          Seit dem Beginn der Bauarbeiten am Salomon-Tempel vor vier Jahren hat die IURD zahlreiche Wohnungen und ganze Häuser in der Umgebung aufgekauft, um Pastoren der Kirche und andere Besucher des neuen Weltsitzes der IURD unterzubringen. Fátima Hajar will für ihre keineswegs luxuriöse, eher kleine Wohnung umgerechnet rund 270.000 Euro haben. Sie ist zuversichtlich, schon bald einen Käufer zu finden.

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