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Papst Franziskus in Ecuador : Politischer Streit übertönt die „Freude des Evangeliums“

Papst Franziskus hält nach seiner Landung in Quito eine Rede; Ecuadors Präsident Rafael Correa hört zu. Bild: Reuters

Papst Franziskus besucht Ecuador, wo Anhänger und Gegner des Präsidenten sich auf ihn berufen. Rafael Correa, selbsternannter „Sozialist des 21. Jahrhunderts“, erlebt die schwerste Krise seit seinem Amtsantritt.

          Jaime Nebot ist überall in Guayaquil. Der 68 Jahre alte Politiker der konservativen Christlich-Sozialen Partei ist seit 2000 Bürgermeister der größten Stadt Ecuadors, und er hat der quirligen Wirtschafts- und Hafenmetropole am Fluss Guayas seinen Stempel aufgedrückt. Das findet eine große Mehrheit der gut 2,5 Millionen Einwohner von Guayaquil offenbar gut, denn Nebot wird regelmäßig mit komfortablen Mehrheiten in seinem Amt bestätigt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Und so wird es noch mehr Messingschilder an renovierten Gebäuden, an Museumsneubauten, an begrünten Plätzen und Promenaden geben, auf denen sich der Bürgermeister als Initiator oder Schirmherr der entsprechenden baulichen Großtat würdigen lässt. Aber auch für Kleinigkeiten ist er sich nicht zu schade. Wenn Fliesenleger oder Elektriker der Stadtwerke ausrücken, tragen sie Overalls mit der Aufschrift „Nebot am Werk“.

          Kernstück von Nebots Stadterneuerung ist das ehrgeizige Urbanisierungsprojekt „Malecón 2000“, die mit Restaurants und einem Einkaufszentrum, mit Museen und einem Multiplex-Kino, mit Kinderspielplätzen, Gartenanlagen und Fischteichen bestückte Uferpromenade. Auf den breiten Spazierwegen rennen morgens die Jogger, mittags flanieren die Pärchen, und abends essen Familien Eis. Bei Ebbe fließen die braunen Fluten des Guayas zur Pazifikmündung hinunter, bei Flut drückt das Meerwasser den Fluss hinauf.

          Jaime Nebot, Bürgermeister von Guayaquil, auf einer Demonstration gegen den Präsidenten

          Doch der Schein maritimer Beschaulichkeit und geordneter Geschäftigkeit am „Malecón 2000“ trügt. Seit Wochen brodelt es in Guayaquil. Auch die Hauptstadt Quito kommt nicht zur Ruhe. Zudem werden aus Cuenca und weiteren Städten Ecuadors immer wieder Demonstrationen gemeldet. Der sozialistische Präsident Rafael Correa erlebt die schwerste politische Krise seit seinem Amtsantritt von 2007, und an vorderster Protestfront steht Jaime Nebot. Am 25. Juni führte der Bürgermeister einen friedlichen Protestzug von rund 400.000 Demonstranten durchs Zentrum von Guayaquil und forderte den Rücktritt Correas. Der Präsident wirft der Opposition vor, einen Putsch gegen ihn vorzubereiten. Correa rief deshalb seine Anhänger dazu auf, zur Verteidigung der von ihm geführten „Revolution der Bürger“ ebenfalls auf die Straße zu gehen. Erwartungsgemäß gerieten Anhänger und Gegner der Regierung mehrfach aneinander, es gab Verletzte.

          Mitten in diese Krise fällt der Besuch von Papst Franziskus. Zum Auftakt seiner achttägigen Lateinamerika-Reise nach Ecuador, Bolivien und Paraguay kommt der Pontifex nach Quito. An diesem Montag will er im Semanes-Park von Guayaquil mit Hunderttausenden Gläubigen die erste Messe feiern.

          Noch am Wochenende versuchte die ecuadorianische Bischofskonferenz, die politischen Wogen zu glätten. Der Papst komme nicht, um die eine oder die andere Weltanschauung zu unterstützen, sondern um das Evangelium zu verkünden, hieß es in einer Mitteilung der Bischöfe. Doch längst sind der Papst und sein Besuch zum Gegenstand politischen Streits geworden. Bürgermeister Nebot warf Präsident Correa vor, dieser versuche den Besuch von Franziskus für seine gescheiterte sozialistische Politik zu instrumentalisieren. Tatsächlich hängen an vielen Fassaden öffentlicher Gebäude in Guayaquil und auch in der Hauptstadt Quito riesige Transparente, auf denen kritische Äußerungen des Papstes zu sozialer Ungerechtigkeit und zur Versessenheit der Menschen auf Geld und materiellen Besitz zu lesen sind. Anhänger der Opposition wollen sich diese Vereinnahmung des Papstes durch die Regierung nicht gefallen lassen und rufen in den sozialen Netzwerken dazu auf, zum Abschluss der beiden Freiluftmessen in Guayaquil und Quito jeweils „Franziskus ja, Correa nein!“ zu skandieren. Correa wiederum ließ wissen, er werde den Messen fernbleiben, sollte die Opposition ihre Proteste während des Papstbesuches fortsetzen. Vom Geist des Evangeliums, von Versöhnung und Feindesliebe ist also im politischen Leben Ecuadors nichts zu spüren.

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