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Oscar Andrés Kardinal Rodríguez Maradiaga : Ein Ausdruck der Option für die Armen

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Vielseitig und viel gefragt: Oscar Andrés Kardinal Rodríguez Maradiaga Bild: picture alliance / AP Photo

Honduras hat seit Kurzem einen neuen Präsidenten. Ein Gespräch mit Kardinal Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga über die Lage in seiner Heimat und die katholische Kirche unter Papst Franziskus.

          Kardinal Rodríguez, vor der Präsidentenwahl in Honduras klagte der Caritas-Beauftragte der katholischen Kirche, die Lebensbedingungen der 70 Prozent Armen hätten sich in 32 Jahren Demokratie nicht verbessert, sondern verschlechtert. Teilen Sie diese Einschätzung?

          Die Bevölkerung ist stark gewachsen, das Niveau der Sozialprogramme nicht. Es gibt Verbesserungen im Gesundheitswesen, weswegen die Kindersterblichkeit zurückgegangen ist. Aber im Schul- und Ausbildungswesen sieht es weiterhin schlimm aus. Ohne Verbesserungen im Bildungswesen gibt es keinen Ausweg aus der Armut. Das größte Problem bleibt die Ungleichheit.

          Was ist nach dem Ende der Militärherrschaft im Jahr 1980 falsch gelaufen?

          Eine Klasse von Politikern kehrte zurück, die sich schon zuvor an der Macht abgewechselt hatte. Das Kalkül blieb dasselbe: Während des Wahlkampfes wird investiert, während der Regierungszeit die Dividende kassiert und sich so bereichert, dass man für den Rest seiner Tage ausgesorgt hat. Dass Politik Dienst am Gemeinwohl sein soll, hat sich noch nicht herumgesprochen.

          Honduras ist nicht nur eines der ärmsten Länder Lateinamerikas, mittlerweile gilt es auch als gefährlichstes. Wie ist es dazu gekommen?

          Die Wurzel des Übels besteht in der Toleranz gegenüber dem „narconegocio“, dem Geschäft mit dem Rauschgift. Zwischen 2007 und 2009 wurden (unter der Präsidentschaft von Manuel Zelaya, d. Red.) gefälschte Fluggenehmigungen ausgestellt. Und in der Region Mosquitia gab es kein Radar. Jede Nacht landeten unerkannt Flugzeuge aus einem Land des Südens (Venezuela, d. Red.) mit Rauschgift an Bord. Honduras wurde zu einem Schlachtfeld der Kartelle des Nordens und des Südens. Die Zahl der Morde hat sprunghaft zugenommen, die Sicherheitskräfte wurden korrumpiert, Jugendbanden massakrieren sich gegenseitig und verlangen noch dazu von den Armen eine sogenannte Kriegssteuer.

          Was muss sich unter dem neuen Präsidenten Juan Orlando Hernández ändern?

          Man hat dem Volk versprochen, dass die Sicherheitskräfte reformiert werden und die Gewalt abnimmt. Die Bestechlichkeit der Justiz muss aufhören, weil die Straflosigkeit anders kein Ende nimmt. Man kann nur hoffen, dass der neue Präsident seine Versprechen erfüllt und Programme ins Werk setzt, die Armut lindern, das Erziehungswesen verbessern und Arbeitsplätze schaffen.

          In seinem Schreiben „Evangelii gaudium“ erweckt Papst Franziskus den Eindruck, dass er von der Demokratie in Lateinamerika und vielen anderen Ländern der südlichen Hemisphäre enttäuscht ist. Pflichten Sie ihm bei?

          Der Papst spricht aus, was viele denken. Demokratie heißt bislang, wählen zu gehen und danach zuzuschauen, wie alles so bleibt, wie es war. Eine der Ursachen dieser Entwicklung darin besteht, dass sich die Wirtschaft der Politik bemächtigt  und sie in den Dienst der Interessen einiger Individuen oder weniger kleiner Gruppen gestellt hat. Das Gemeinwohl wird darüber vergessen.

          Haben die politischen und wirtschaftlichen Eliten, die von Mexiko bis Argentinien seit je auch an katholischen Universitäten ausgebildet werden, versagt?

          Ein Versagen der Ausbildung an katholischen Universitäten kann ich nicht erkennen. Das Problem ist vielmehr, dass viele ihre Abschlüsse an Hochschulen erwerben, die dem Neoliberalismus und einem barbarischen Kapitalismus verpflichtet sind. Dort wurde und wird hinter der Maske des Pragmatismus der Korruption, Steuerhinterziehung und Misswirtschaft der Boden bereitet.

          In Lateinamerika gehören absolut und relativ mehr Menschen der katholischen Kirche an als in jeder anderen Region der Welt. Ist die Kirche womöglich eher Teil der Probleme Lateinamerikas als Teil der Lösung?

          Würde sich die Kirche nicht kontinuierlich für die Werte des Evangeliums einsetzen und für die Soziallehre mit ihren Prinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität eintreten, wäre die sogenannte Demokratie längst zusammengebrochen. Seit den Vollversammlungen der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín im Jahr 1968 zieht sich die konstruktive Kritik über die Vollversammlungen von Puebla, Santo Domingo und Aparecida wie ein roter Faden bis in die Gegenwart.

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