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NSA und CIA : Warum wir die Deutschen ausspionieren müssen

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Kommt Ihnen das bekannt vor? Der achtjährige Steve Soltesz aus Detroit konnte mit seinem sogenannten „Big Ear“ Gespräche in einem Umkreis von bis zu 70 Metern belauschen. (Aufnahme vom September 1967). Protestierende Nachbarn, die sich bespitzelt fühlten, schalteten die Polizei ein. Diese konnte auf Grund einer Gesetzeslücke nichts gegen den „Lauschangriff“ des Jungen unternehmen. Bild: picture-alliance / dpa

In Berlin ist die Empörung über CIA-Spione groß, in Amerika sieht man die Dinge anders. Für den amerikanischen Journalisten James Kirchick ist es absolut richtig, dass ein Land mit so engen Verbindungen zu Russland und Iran ausspioniert wird. Ein Gastbeitrag.

          Ich habe in Deutschland gelebt, ich habe mich dort auch verliebt. Ich zähle Berlin zu meinen Lieblingsstädten und kann mir – abhängig von den Reaktionen auf diesen Artikel – sogar vorstellen, dort eines Tages wieder hinzuziehen. Doch berücksichtigt man die intensiven wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Russland und Iran, und zieht dann noch in Betracht, dass Moskau jahrzehntelang vom ersten Kalten Krieg bis zum jetzigen seine Geheimdienstmitarbeiter dort ausgebildet hat, so wären die amerikanischen Geheimdienste doch verrückt, wenn sie keine intensiven Spionageoperationen in Deutschland durchführen würden.

          Berlin war ein Nest für Spione, seit es nach dem Krieg als geteilte Stadt im geographischen und intellektuellen Herzen des Kalten Krieges wiedergeboren wurde. Die Glienicker Brücke, die den sowjetischen mit dem amerikanischen Sektor verband, diente als Austauschort für gefangene Geheimdienst-Agenten. Das brachte ihr den Spitznamen „Spion-Brücke“ ein. Berlin ist irgendwie automatisch der Ort, an dem man einen Spionageroman im Kalten Krieg spielen lässt, und das nicht ohne Grund: Gespalten zwischen den Sowjet- und den Westmächten war die Stadt ein Ground Zero der Spionage.

          Als die Berliner Mauer vor 25 Jahren fiel und die Sowjetunion kurz darauf zusammenbrach, hatten viele Deutsche gehofft, die Stadt könnte ihren Ruf als angespannte Kreuzung des Kalten Krieges ablegen und zu einer kosmopolitischen Oase werden. Das ist in großem Umfang gelungen, Berlin ist ohne Zweifel die aufregendste Stadt in Westeuropa. Aber Deutschland, und insbesondere Berlin, haben nie ihre Anziehungskraft als Einfallstor für russische Agenten verloren – oder für amerikanische, die gerade deshalb versuchen, ebenjene im Auge zu behalten.

          Im vergangenen Jahr wurde Berlin zur Frontlinie des globalen Spionagegewerbes. Dazu trugen zum einen die Enthüllungen des flüchtigen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden bei, der aufdeckte, dass der Geheimdienst das Handy von Kanzlerin Angela Merkel ausspioniert hatte. Zum anderen spielten auch die zunehmenden Spannungen zwischen Russland und dem Westen über das Schicksal der Ukraine eine Rolle.

          „Mehr Austin Powers als James Bond“

          Zuletzt haben Nachrichten das deutsch-amerikanische Verhältnis erschüttert, dass die CIA einen kleineren Angestellten des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND bezahlt hat, um über Akten des parlamentarischen Untersuchungsausschusses an das Material zu kommen, das Snowden im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Wie Chris Dickey und Nadette de Visser von Daily Beast berichten, war der Geheimdienstmann „mehr Austin Powers und weniger James Bond“, vielleicht sogar nur ein „Fall von Almosen“ und das Material, das er übergeben hat, sei nicht einmal von großem Wert gewesen.

          Das kühlte den deutschen Zorn nur wenig, der sich bereits am NSA-Abhörskandal im vergangenen Herbst entzündet hatte. „Wenn die Anschuldigungen wahr sind, wäre das ein klarer Widerspruch zu dem, was ich für vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Verbündeten und Partnern halte“, sagte Merkel, die ständig versucht, die Auswirkungen des Snowden-Chaos herunterzuspielen. So wurde im vergangenen Herbst, als die Neuigkeit über das Handy der Kanzlerin an die Presse gelangte, der amerikanische Botschafter John Emerson wieder einmal zu einer Strafpredigt ins Außenministerium geladen.

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