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NSA-Affäre : Unvorstellbare Datensammelwut

Fünf Milliarden Datensätze sammelt die NSA über die Standorte von Mobiltelefonen in der Welt – jeden Tag. Der Gigantismus entzieht sich jeder Kontrolle.

          Aus dem offenbar unerschöpflichen Fundus des Edward Snowden gibt es wieder etwas Neues, nein, etwas schier Unglaubliches: Fünf Milliarden Datensätze sammelt der amerikanische Geheimdienst NSA über die Standorte von Mobiltelefonen in der Welt – jeden Tag! Fünf Milliarden! Jeden Tag! Die NSA erfasst Hunderte Millionen Mobiltelefone, um Bewegungsprofile zu erstellen und Verbindungen zwischen verschiedenen Personen herzustellen.

          Die Datenmenge ist so unvorstellbar groß, dass sie die zeitnahe Analysefähigkeit des Geheimdienstes überfordert, zumal nur ein Bruchteil der Daten für die Abwehr terroristischer Aktivitäten tatsächlich von Bedeutung ist. Zweifel sind mehr als berechtigt, ob Aufwand und Ertrag dieser Schleppnetzmethode noch in einem realistischen Verhältnis zueinander stehen, von datenschutzrechtlichen Bedenken einmal abgesehen.

          Angesichts der Dimension dieser Datensammlung überall auf der Welt wirken frühere deutsche Klagen über große und kleine Lauschangriffe richtig putzig. Von Hunderten Millionen Benutzern von Mobiltelefonen vermag die NSA also zu sagen, wo sie sich aufhalten und mit wem sie sprechen. In den Vereinigten Staaten wird der dafür betriebene Aufwand nach wie vor von der Politik weitgehend akzeptiert, weil das Wissen, das so erlangt wird, für die Terrorabwehr für notwendig erachtet wird. Jüngste Einlassungen führender Kongressmitglieder sind sogar so zu verstehen, dass die Geheimdienste angesichts einer unübersichtlichen Bedrohungslage ihre Aktivität noch ausweiten müssten: Al Qaida ist nicht ausgeschaltet, es hat Ableger gebildet. Das Geschehen in Nordafrika und im Nahen Osten zieht neuen Nachschub heran.

          In Europa und anderswo mag man den Vereinigten Staaten vorhalten, sie seien vom Kampf gegen den Terrorismus besessen und hätten bei der (weltweiten) geheimdienstlichen Überwachung jedes Maß verloren. Aus Sicht vieler Amerikaner sind derlei Vorhaltungen wohlfeil. Ob man das hierzulande glaubt oder nicht: Dem Land steckt der „11. September“ noch immer in den Knochen; das Trauma ist nicht verarbeitet. George W. Bush und dann Obama haben unter Mitwirkung des Kongresses die Geheimdienste mächtig aufgerüstet. Und die tun das, was sie sollen und, vor allem, wozu sie technisch in der Lage sind. Der Gigantismus jedoch entzieht sich jeder Kontrolle.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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