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Großprojekt in Nicaragua : Der Kanal von China

Protest gegen Kanal-Projekt: Bauern am 24. Dezember in El Tule in Nicaragua Bild: AP

Ein Unternehmen aus Hong Kong will in Nicaragua eine Schiffspassage zwischen Pazifik und Atlantik graben. Präsident Ortega lässt die Menschen über die Risiken des gewaltigen Bauvorhabens im Unklaren, nun kam es zu gewaltsamen Protesten.

          Immerhin ist die Straße nach Brito auf der Landkarte eingezeichnet – wenn auch nur als gestrichelte Linie. Dort war kurz vor Weihnachten der erste Spatenstich zu einem Jahrhundertbauwerk erfolgt. Bis zur Rinderfarm Miramar gibt es tatsächlich so etwas wie eine befahrbare Straße: Es ist ein schmaler Schotterweg, auf dem von Büffeln gezogene Fuhrwerke dahinschleichen und knatternde Mopeds dicke Staubwolken aufwirbeln. Vor der Einfahrt zur „Hacienda Ganadera Miramar“ steht die fast lebensgroße Skulptur eines weißen Büffels. Die Rinderfarm mit gut 820 Hektar Land hat über Jahrzehnte hinweg der Diktatorenfamilie Somoza gehört. Nach der Revolution der linken Sandinistas von 1979 wurde die Familie enteignet und ihr Besitz einer Kooperative übergeben. Nach allerlei undurchsichtigen Transaktionen, an denen nach Recherchen der unabhängigen Wochenzeitung „Confidencial“ jede Menge Anwälte, Strohmänner und Briefkastenfirmen beteiligt waren, sind heute abermals mächtige Leute Eigentümer der Farm: Es ist die Familie von Präsident Daniel Ortega.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der heute 69 Jahre alte einstige Guerrillero regierte als Führer der linken Junta der Sandinisten schon einmal von 1979 bis 1990. Dann wurde Ortega abgewählt, aber er kam nach einem 17 Jahre währenden Zwischenspiel konservativer und liberaler Regierungen im Jahr 2007 wieder an die Macht. Einen dummen Fehler wie die Wahlniederlage von 1990 will sich Ortega nicht noch einmal zuschulden kommen lassen. In einer Art rosaroten Diktatur halten er und seine Familie das Land und seine gut sechs Millionen Einwohner fest im Griff. In Politik, Justiz und Medien zementieren die reformierten Sandinisten ihre Macht und ihren Einfluss mit allen Mitteln. Anfang 2014 hat Ortega die Änderung der Verfassung durchgesetzt, die ihm nun die unbegrenzte Wiederwahl erlaubt. In der Wirtschaft garantieren die Sandinisten ausländischen Investoren günstige Bedingungen. Die Strategie dieses „Sandinismus Light“ geht auf. Nicaragua ist zwar bis heute das ärmste Land Mittelamerikas, und die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Doch die Wirtschaft des Landes wuchs seit der Rückkehr Ortegas in den Präsidentenpalast Anfang 2007 jährlich um durchschnittlich gut fünf Prozent. In diesem Jahr dürfte in Zentralamerika nur Panama ein stärkeres Wirtschaftswachstum erreichen als Nicaragua.

          Ortega hat für sich und sein Land in den kommenden Jahren große Pläne: Nicaragua will mit einem neuen Kanal zwischen Pazifik und Atlantik das seit gut hundert Jahren bestehende Monopol des Panama-Kanals auf die Schiffspassage durch den mittelamerikanischen Isthmus durchbrechen. Der „Gran Canal Interoceánico“ von Nicaragua wird breiter und tiefer als der Panama-Kanal, dessen Erweiterung für die größeren Tanker und Frachter der sogenannten Post-Panamax-Klasse bis Mitte 2015 abgeschlossen werden soll. 278 Kilometer soll der neue Kanal messen, fast dreieinhalb Mal so viel wie der 82 Kilometer lange Panama-Kanal. Die künstliche Wasserstraße soll 230 Meter breit sein und dreißig Meter tief. Weil aber das arme Nicaragua die immensen Kosten für einen Riesenbau wie diesen nicht selbst aufbringen kann, ist Managua auf die Suche nach Investoren gegangen. Fündig geworden ist man in China.

          Dem Weideland von Miramar in den Flussauen des Río Brito kommt eine Schlüsselrolle beim Baubeginn des „Gran Canal“ von Nicaragua zu. Nur bis dorthin lassen sich Baumaschinen und schweres Gerät auf halbwegs befestigten Straßen transportieren. Dann geht es hinunter in den sumpfigen Dschungel bis zur Mündung des Brito in den Pazifik. Ein Bauer versichert, der immer schmaler werdende Pfad durch breite Pfützen und tiefen Schlamm sei der richtige und auch der einzige Weg nach Brito. An der Mündung des Flusses hat ein Zug Soldaten sein Quartier aufgeschlagen. Gummistiefel und Wäsche sind zum Trocknen aufgehängt. Aus einem Radio plärrt Musik. Das Mittagessen wird auf offenem Feuer zubereitet. In den Hütten sind Stockbetten aneinandergereiht. Einer der Soldaten tritt an den Stacheldrahtzaun, der um das Feldlager gespannt ist. Er ist schlecht gelaunt und wenig auskunftsfreudig. Zum „Gran Canal“, zum Baubeginn wisse er nichts zu sagen: „Reden Sie mit den Leuten im Dorf.“

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