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Großprojekt in Nicaragua : Der Kanal von China

Sorge vor Enteignung und Vertreibung

Ein richtiges Dorf ist Brito freilich nicht. Nur ein paar Häuser und Hütten stehen vereinzelt im Wald. Im seichten braunen Wasser des Flusses liegen Fischerboote. Auch von den Leuten hier ist nicht viel zu erfahren. Nur dass seit Wochen immer wieder chinesische Ingenieure gekommen seien, in Begleitung von nicaraguanischen Soldaten. Die Chinesen in ihren Arbeitsanzügen hätten das Land vermessen, Löcher in den Boden getrieben und Erdproben genommen. Die Sorge vor Enteignung und Vertreibung hat Fischer und Kleinbauern nicht nur in Brito, sondern überall entlang der geplanten Kanalstrecke erfasst.

Auf dem Rückweg von Brito in die Hauptstadt Managua ist die Durchfahrt durch das Städtchen Tola blockiert. Ein Tieflader kommt nur in Schrittgeschwindigkeit voran. Die Ladung liegt unter einer grauen Plastikplane. Der Beifahrer geht neben dem Schwertransport her und hebt die über die Straße gespannten Telefonleitungen empor, damit sie nicht herabgerissen werden. Er will keine Ahnung haben, was sich unter der Plane verbirgt. Auch vom Fahrtziel wisse er nichts. Die Leute von Tola sagen, auf dem Laster seien Dieselgeneratoren zur Stromerzeugung. Der Tieflader fahre zur Kanalbaustelle.

Nur die Route des Kanals ist bekannt

Präsident Ortega und seine Familie lassen das Volk im Dunkeln über Einzelheiten und mögliche Risiken des größten Bauvorhabens in der Geschichte des Landes. Nur die Route des künstlichen Wasserwegs ist bekannt: von Brito am Pazifik über Rivas am Ufer des Lago Cocibolca (Nicaragua-See), dann quer durch das größte Süßwasserreservoir Mittelamerikas, und schließlich vom Ostufer des Sees bei El Tule durch die breite Landmasse bis nach Punta Gorda an der Küste der Karibik. Studien zur technischen Machbarkeit, zur Wirtschaftlichkeit und zu den Umweltrisiken sind angeblich in Arbeit, die Ergebnisse sollen im kommenden Frühjahr vorgelegt werden. Baubeginn ist aber schon jetzt.

Kanal-Beauftragter der Regierung ist Präsident Ortegas Sohn Laureano. Schon vor Jahren warb Laureano Ortega bei einer Reise nach Peking um Investoren für einen zweiten Kanal durch die zentralamerikanische Landenge. Schließlich wurde er fündig: Der Geschäftsmann Wang Jing aus Hong Kong will die Finanzierung des Projekts mit fünfzig Milliarden Dollar garantieren. Wang Jing besitzt ein Konglomerat von fast zwei Dutzend Unternehmen, die sich von der Telekommunikation über Finanzdienstleistungen bis zum Baugewerbe engagieren. Für den Bau des Kanals in Zentralamerika hat Wang Jing die Hong Kong Nicaragua Canal Development Group (HKND) gegründet. Die in Hong Kong registrierte HKND Group hat freie Hand beim Bau des Kanals und wird die Wasserstraße für mindestens fünfzig Jahre in Konzession betreiben – mit einer Option auf weitere fünfzig Jahre. Zu den überaus ehrgeizigen Plänen von HKND gehören neben dem Kanal der Bau von jeweils einem Seehafen am pazifischen und karibischen Zugang zum Kanal sowie eines Golfplatzes und eines Luxushotels.

Souveränität des Landes an China verkauft

Auf Drängen Ortegas hat das Parlament im Juni 2013 das Gesetz zum Kanalbau durch die HKND Group durchgewunken. Die Opposition bezichtigt die Regierung, sie habe die Souveränität des Landes an China verkauft. Umfragen zeigen aber, dass gut zwei Drittel der Nicaraguaner den Bau des Kanals gut heißen. Die Regierung argumentiert, der Kanal sei nicht nur die Verwirklichung eines Jahrhunderttraums, sondern auch der Königsweg zur Überwindung der Armut und zur Schaffung Zehntausender Arbeitsplätze. Dem stehen die Sorgen und Ängste der rund 29000 Menschen gegenüber, die wegen des Kanalbaus enteignet und umgesiedelt werden.

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