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Neues Cincinnati : Wiedergeburt eines deutschen Stadtviertels

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In einer uramerikanischen Tragödie: Jim Tarbell im Wohnviertel, wo einst die Deutschen eine neue Heimat gefunden hatten. Bild: Foto Ross

Viele Deutsche lebten einst in Cincinnati. Als sie fortzogen, wurde ihr Viertel eine Enklave der Armut. Jetzt lockt die Stadt junge Talente an – mit Bier und Lederhosen.

          10 Min.

          Alles ist neu im Washington Park. Schwitzende in Sportkleidung hüpfen auf Kommando eines Animateurs. Kinder quietschen zwischen Wasserfontänen. Mike Jones zeigt auf die dritte Armlehne in der Mitte einer Bank. „Darauf kannst du nicht schlafen.“

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Früher stand hier die Bank, auf der Jones lebte. Vor wenigen Jahren schaffte er den Absprung. Er bekam Hilfe, bändigte seine Alkoholsucht, lernte Kochen, fand einen Job als Tellerwäscher und bezog eine Wohnung. Kurz danach rückten im Park die Bagger an. „Vorher waren wir bestimmt 150 Leute, die hier gewohnt haben“, sagt Jones. Hinter seiner Modebrille lässt er den Blick schweifen, aber kein alter Freund ist zu sehen. In Cincinnatis grüner Oase haben Obdachlose nichts mehr zu suchen.

          Mike Jones arbeitet um die Ecke in „Taft’s Ale House“. Das Brauhaus hat voriges Jahr in der alten Pauluskirche aufgemacht. Anno 1845 waren sich Lutheraner, die aus dem deutschen Norden eingewandert waren, in die Haare geraten, wer ihrem verstorbenen Pastor folgen sollte.

          Eine Gruppe spaltete sich ab, baute eine eigene Backsteinkirche und weihte sie dem Apostel Paulus. Sie war das fünfte deutsche Gotteshaus im Viertel. Cincinnati war damals Amerikas am dichtesten besiedelte Stadt, größer als Chicago. Unablässig kamen Einwanderer aus deutschen Landen.

          Sie ließen sich nördlich eines Kanals nieder, der quer durch Ohio zum Erie-See führte. Bald hieß ihr quirliges Viertel „Over-the-Rhine“: Den Kanal zu überqueren erschien vielen Bürgern wie eine Reise an den Rhein. Hier wurde deutsches Bier gebraut, deutscher Sangeskunst gefrönt und stellenweise gar mit deutscher Gründlichkeit allmorgendlich der Bürgersteig gekehrt.

          Bier als Religion zahlungskräftiger Gäste

          Der Verfall begann vor hundert Jahren: Weltkrieg, Prohibition, Depression, Weltkrieg. Und so ging es weiter: Stadtflucht, Verarmung, Kriminalität, Rassenaufruhr. Noch 2009 wurde Cincinnatis „Rheinland“ als Amerikas gefährlichstes Stadtviertel bezeichnet.

          Heute betreibt ein New Yorker Gastronom ein Fischrestaurant in dem früheren Bordell am Washington Park, wo Mike Jones jahrelang sein Bier kaufte. Fast zehn Millionen Dollar kostete die Verwandlung der Pauluskirche in „Taft’s Ale House“. Drei glänzende Sudkessel thronen, wo weiland der Gekreuzigte hing. Es ist noch nicht lange her, dass ein Richter Mike Jones ins Gefängnis schickte, weil er im Park Alkohol getrunken hatte.

          Elf Strafbefehle von je 105 Dollar hatten sich angesammelt. Jetzt arbeitet er in einem Gotteshaus, wo Bier die Religion zahlungskräftiger Gäste ist, die sich vor kurzem nicht ins Viertel getraut hätten. Die Ironie ist dem Tellerwäscher nicht entgangen. 105 Dollar hat er auch heute nicht übrig. Dennoch hockt er sich bisweilen mit ein paar Bier in den Park. „Da darf man nicht einknicken“, sagt Jones. Seinen Stolz hat er nie verloren.

          Eigentlich darf man im Washington Park nur trinken, was die Cincinnati Center City Development Corporation (3CDC) an einer Bar ausschenken lässt. In dieser halb städtischen, halb privaten Gesellschaft haben Cincinnatis Konzernbosse das Sagen.

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