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Neuer Polizeichef in Ferguson : Mit dem Mut zur Versöhnung

Die Würde der Bürde: Delrish Moss Bild: AP

Landesweit wurde die Stadt Ferguson bekannt, nachdem ein weißer Polizist den schwarzen Jugendlichen Michael Brown erschossen hatte. Jetzt bekommt die Polizei einen schwarzen Polizeichef.

          Seit Beginn dieser Woche hat die kleine Stadt Ferguson im Bundesstaat Missouri einen neuen Polizeichef. Er ist schwarz und heißt Delrish Moss. Mehr als 32 Jahre lang hatte Moss in der Polizei von Miami gedient, bevor er jetzt für sein neues Amt vereidigt wurde. Zuletzt war der 52 Jahre alte Mann in Miami Sprecher der Polizeikräfte gewesen. Der Veteran ist ein Spezialist für Öffentlichkeitsarbeit und hat die Beziehungen zu Bürgervereinigungen und Lokalpolitikern gepflegt. Am Montag legte er seinen Amtseid ab.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Er kommt mit dem großen Versprechen, die Polizei von Ferguson mit der Bevölkerung zu versöhnen. Ferguson ist eine Stadt mit 21.000 Einwohnern im urbanen Großraum von St. Louis, die der breiteren Öffentlichkeit unbekannt war, bis Ende 2014 ein weißer Polizist den unbewaffneten schwarzen Teenager Michael Brown mit zwölf Schüssen niederstreckte. Als die Nachricht vom Tode des Jungen die Runde gemacht hatte, entlud sich der Ärger vieler schwarzer Einwohner in der Stadt: Sie demonstrierten, blockierten Straßen, zündeten Polizeiautos an. Geschäfte wurden geplündert. Die Polizei ging teilweise mit großer Härte gegen die Demonstranten vor. Auch in anderen amerikanischen Städten wie Baltimore kam es in der Folge zu schweren Unruhen. Die Bewegung „Black Lives Matter“ nahm in dieser Zeit ihren Anfang.

          Skandalöse Polizeiarbeit in Ferguson

          Ermittlungen der Bundesregierung förderten in den folgenden Monaten eine Reihe von schwerwiegenden Bürgerrechtsverletzungen zutage: Polizisten hielten demnach regelmäßig Autofahrer ohne rechtliche Begründung an, sie verhafteten Leute ohne gesetzliche Rechtfertigung und gingen unangemessen aggressiv gegen Verdächtige vor. Hinzu kam, dass nach Erkenntnis der Ermittler die Polizeiübergriffe vor allem schwarze Bürger trafen. Und schließlich wurden die Konturen eines Systems offenbar, in dem die Festnahmen offensichtlich vor allem dazu dienten, die Einnahmen der Stadtkasse von Ferguson zu Lasten ihrer schwarzen Bürger zu erhöhen.

          Fergusons Polizei wurde für Kritiker im ganzen Land zum Beleg dafür, wie rassistische Motive die Polizeiarbeit prägten. Die Bundesermittler hatten beispielsweise herausgefunden, dass schwarze Autofahrer in Ferguson mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit gestoppt wurden wie weiße. Zu dieser Deutung gehört, dass Fergusons Polizei kaum schwarze Ermittler beschäftigte. Im Zuge der Ermittlungen des Bundes trat der damalige Polizeichef Tom Jackson im vergangenen Jahr zurück.

          „Die Regierung ist nicht dazu da, Gewinne zu machen“, sagte sein Nachfolger Moss nun. „Ferguson weiß nun, dass das nicht der Weg ist, wie man es machen sollte.“ Der Polizeichef ist trotzdem mit einer katastrophalen Finanzlage der Stadt konfrontiert, die ihm Umstrukturierungen und Neueinstellungen erschweren. So bremst die Stadtregierung die Umsetzung von Reformvereinbarungen, die sie vor drei Wochen mit dem Justizministerium der Bundesregierung getroffen hat. Die Regierung der Stadt glaubt, sich dafür nötige Ausgaben in Höhe von vier Millionen Dollar nicht leisten zu können. Eine geplante Steuererhöhung war in einem Referendum abgelehnt worden. Darüber hat Justizministerin Loretta Lynch die Geduld mit Ferguson verloren. Die Generalstaatsanwaltschaft verklagte die Stadt nun im Februar, um dort eine Polizeireform zu erzwingen.

          Polizei soll demographische Verhältnisse widerspiegeln

          Das ist die Ausgangslage, mit der sich nun der Polizeiveteran aus Miami, Delrish Moss, auseinandersetzen muss. Als erstes hat er versprochen, mehr Frauen und mehr Schwarze für den Polizeidienst zu gewinnen mit dem langfristigen Ziel, eine Polizeitruppe zu führen, die den demografischen Verhältnissen der Stadt entspricht. „Von 54 Polizisten sind meines Wissens drei oder vier Afroamerikaner“, sagte Moss der „New York Times“. Dem öffentlichen Rundfunksender NPR sagte Moss, er habe sich für Ferguson statt für einen Ruhestand in Miami Beach entschieden, weil die Zustände in der Kleinstadt ihn an die Herausforderungen erinnerten, mit denen er als Teenager in Miami konfrontiert war. Moss berichtete von eigenen schlechten Erfahrungen mit der Polizei. Einmal habe er im jugendlichen Alter an einer Bushaltestelle auf einer Bank gesessen. Ein Polizist sei aufgetaucht, habe seine Taschen durchsucht und gesagt: „Du Nigger solltest dich nicht bei Dunkelheit in der Innenstadt herumtreiben“, berichtet Moss. Diese und eine andere Begebenheit, als er von einem Polizisten wortlos an eine Mauer gedrückt und durchsucht worden war, hätten ihn bewogen, selbst in den Polizeidienst einzutreten.

          In Miami diente sich Moss vom Streifenpolizisten in die oberen Ränge hoch. In Ferguson hatte sich Moss vor seinem Dienstbeginn am Montag mit Vertretern von Bürgergruppen und Polizisten getroffen, um sich ein Bild der Lage zu machen. Er glaubt nicht, dass die knappen Finanzen ihn daran hindern, die Polizeikräfte zu reformieren. Es gehe darum, den Bürgen den angemessenen Respekt zu zeigen. Hätten ihn die Polizisten, die ihn in seinen Jugendjahren aufgegriffen hatten, mit Würde behandelt und den Grund für die Durchsuchungen transparent gemacht, hätte er damals eine andere Einstellung zur Polizei gehabt, sagt Moss. Womöglich wäre er dann gar nicht Polizist geworden.

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