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Proteste in Ferguson : Obama: „Ein amerikanisches Problem“

In ganzen Land wurde gegen die Entscheidung der Geschworenen im Fall Michael Brown demonstriert - so wie hier in Los Angeles Bild: AFP

Präsident Barack Obama verurteilt die Ausschreitungen und Plünderungen in Ferguson. Dass aber Angehörige von Minderheiten der Polizei misstrauten, sei ein „amerikanisches Problem“. Unterdessen werden immer mehr Details über die Umstände der tödlichen Schüsse auf Michael Brown publik.

          In den Vereinigten Staaten hat es in der Nacht zum Mittwoch in rund 170 Städten Proteste gegen die Entscheidung eines Geschworenengerichts gegeben, den weißen Polizisten nicht vor Gericht zu stellen, der in Ferguson einen unbewaffneten schwarzen jungen Mann erschossen hatte. Zu teilweise gewaltsamen Demonstrationen kam es auch in New York, Los Angeles, Boston und Dallas. In Ferguson versammelten sich die zweite Nacht in Folge Demonstranten vor dem Polizeidezernat. Sicherheitskräfte nahmen dort mindestens 45 Menschen fest. Zur Verstärkung waren mehr als 2000 Soldaten der Nationalgarde im Einsatz. Nach Angaben des örtlichen Polizeichefs John Belmar verliefen die Proteste ruhiger als in der Nacht davor.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Unterdessen äußerte sich der beschuldigte Polizist erstmals öffentlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. In einem Interview mit dem Sender ABC News sagte Darren Wilson am Dienstagabend, bei der Begegnung mit Michael Brown um sein Leben gefürchtet zu haben. Wilson sagte, er habe seine Arbeit „richtig“ gemacht und gemäß seiner Ausbildung gehandelt. Er bedaure den Tod Browns, habe aber ein „reines Gewissen“ und würde jederzeit wieder so handeln. Am Montag hatte eine Grand Jury aus zwölf Geschworenen entschieden, dass die Beweise für eine Anklage gegen den Polizisten nicht ausreichen. Die Aussagen Wilsons gegenüber ABC decken sich im Wesentlichen mit den Angaben, die er vor den Geschworenen gemacht hatte.

          Präsident Barack Obama verurteilte die Ausschreitungen und Plünderungen in Ferguson. Er habe kein Verständnis für Menschen, die ihre eigenen Gemeinden zerstörten, sagte Obama am Dienstagabend in Chicago. Es gebe „keine Entschuldigung“ für solche „kriminellen Akte“. Obama sagte, „nichts von Bedeutung, nichts von Nutzen entsteht aus destruktiven Taten“. Der Präsident forderte die Demonstranten auf, „konstruktive“ und friedliche Mittel zu wählen, um politische Probleme zu lösen. Obama äußerte aber Verständnis dafür, dass sich Angehörige von Minderheiten von der Polizei ungerecht behandelt fühlen. Das sei ein „amerikanisches Problem“. Obama kündigte an, die Strafverfolgung in Amerika verbessern zu wollen.

          Das mit dem Fall Missouri gegen Darren Wilson befasste Grand Jury hatte eine Anklageerhebung abgelehnt. Die Geschworenen kamen nach drei Monaten der Anhörung von Zeugen und der Sichtung von Beweismaterial zu dem Schluss, dass die Darstellung Wilsons, in Notwehr gehandelt zu haben, in einem Strafprozess nicht erschüttert werden könnte.

          Vollständiges Untersuchungsprotokoll veröffentlicht

          Staatsanwalt Robert McCulloch hatte nach Einholung einer richterlichen Genehmigung das vollständige Protokoll der Untersuchung mit einem Umfang von 4799 Seiten freigegeben. Nicht dokumentiert sind darin die abschließenden Beratungen der Geschworenen in Abwesenheit der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Üblicherweise sind die Verhandlungen einer Grand Jury geheim.

          Eine Aufnahme vom Tatort in Ferguson, die die Polizei von St. Loius nun veröffentlichte Bilderstrecke

          Allein das Protokoll der etwa vierstündigen Befragung Wilsons vom September füllt 85 Seiten. Wilson stellte dar, wie sich am Mittag des 9. August in Ferguson die Konfrontation zutrug, die in seinen tödlichen Schüssen auf Michael Brown endete. Wilson befand sich demnach auf der Rückfahrt von einem anderen Einsatz, als er auf der Straße zwei Fußgänger bemerkte, die auf dem Mittelstreifen gingen. Er habe sie aufgefordert, die Fahrbahn zu verlassen. Wilson sagte aus, dass mehrere Autos um die beiden Spaziergänger einen Bogen hätten machen müssen. Noch vor dem ersten Wortwechsel will Wilson ein weiteres bezeichnendes Detail bemerkt haben, das Muster auf den gelben Socken Browns, der eine kurze Hose trug: die Marihuanapflanze. Als die Männer sich weigerten, seiner Aufforderung zum Verlassen der Fahrbahn nachzukommen, erkannte Wilson, dass Brown der Beschreibung eines Mannes entsprach, der gemäß einer Durchsage des Polizeifunks verdächtig war, wenige Minuten zuvor einen Raub in einem Laden begangen zu haben. Wilson forderte Verstärkung an.

          „Wie ein Dämon ausgesehen“

          Während Wilson durch das Autofenster mit Brown sprach, kam es zu einem Kampf. Wilsons Angabe, Brown habe im Handgemenge „komplette Kontrolle“ über die Dienstwaffe des Polizisten erlangt, wurde von einem Geschworenen in Zweifel gezogen, weil Wilsons Finger am Abzug verblieb. Zweimal hat Brown sich nach Wilsons Darstellung ihm aggressiv wieder zugewandt, nachdem ihn eine Kugel getroffen hatte: Zuerst während des Kampfes am Autofenster und dann noch einmal, als Brown davongelaufen war und sich umdrehte. Brown habe sich wie ein wildgewordenes Tier verhalten. Die tödliche Bedrohung, die Wilson sah, muss in seiner Aussage Browns Miene plausibel machen, „das Gesicht, das er hatte“. Er habe „wie ein Dämon ausgesehen“. Dem ersten Kollegen, der am Tatort eintraf, sagte Wilson: „Ich musste ihn töten.“

          Zwischen dem Moment, da der Polizist die Männer sah, und seinem letzten Schuss auf Brown verging nach Wilsons Einschätzung weniger als eine Minute. Demnach sei Wilson im Kopf alle weniger gewaltsamen Abwehrmöglichkeiten durchgegangen, bis die Schusswaffe als einzige Option verblieb - wie auf der Polizeischule gelernt. Für die Zweifel der Grand Jury an den Aussichten einer Anklage scheinen die Zeugen entscheidend gewesen zu sein, die Michael Browns Bewegungen vor den letzten Schüssen als aggressiv beschrieben. Das Wohnviertel am Canfield Drive charakterisierte Wilson vor der Grand Jury als „Anti-Polizei-Gegend“. Die Polizei sei in dieser Gemeinschaft unbeliebt, und daher sei die Gemeinschaft in der Stadt unbeliebt.

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