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Massaker von Charleston : Der lange Schatten der Flagge

  • -Aktualisiert am

Konföderiertenidylle: Der Attentäter von Charleston, Dylann Roof, mit Flagge auf einem Foto, das er selbst ins Internet gestellt hatte. Bild: Polaris/laif

Barack Obama schimpft auf die Waffenlobby. Doch noch heftiger wird nach dem Massaker von Charleston über ein altes Symbol gestritten: die Konföderierten-Flagge. Vor allem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner fällt es schwer, sich zu positionieren.

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          Nach 47 Minuten mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten in seiner Garage konnte Marc Maron sicher sein, dass sein Interview Aufsehen erregen würde: Barack Obama hatte das N-Wort in den Mund genommen. Amerika sei vom Rassismus „nicht geheilt“, erklärte der erste schwarze Präsident dem Comedian, denn es genüge nicht, dass es heute „als unhöflich gilt, öffentlich ,Nigger‘ zu sagen“.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Maron zeichnet in seiner Garage nahe Los Angeles eine Internet-Talkshow auf, deren Name WTF für den Ausruf „What the fuck“ steht, den die meisten amerikanischen Medien ebenso wenig auszubuchstabieren wagen wie das jüngste Zitat des Präsidenten. Das Gespräch, das am Montag veröffentlicht wurde, hatten Obama und Maron am Freitag geführt – anderthalb Tage, nachdem ein junger Weißer in einer Kirche in Charleston neun Afroamerikaner kaltblütig erschossen hatte.

          Wie meistens, wenn er zum Verhältnis von Weißen und Schwarzen spricht, erinnerte Obama daran, dass sich die Dinge für die Afroamerikaner in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verbessert hätten. Wer anderes behaupte, so mahnte der 1961 geborene Präsident, der habe die fünfziger Jahre nicht erlebt. Doch werfe das Erbe von Sklaverei und Diskriminierung einen langen Schatten. „Das ist in unserer DNA“, sagte Obama und fügte an: „Gesellschaften radieren nicht über Nacht aus, was zwei- bis dreihundert Jahre vorher passiert ist.“ Ganz so weit blicken die meisten Amerikaner nach dem Massaker von Charleston nicht in die Geschichte zurück. Doch Bürgerrechtler versuchen, die politischen Energien, die der Schock über das Attentat auf die „Mother Emanuel“-Kirche freigesetzt hat, zu kanalisieren, um ein altes Ziel zu erreichen: die Beseitigung der Konföderierten-Flagge vom Gelände des Kapitols in South Carolinas Hauptstadt Columbia. Der Attentäter Dylann Roof hatte auf Fotos in seinem rassistischen „Manifest“ mit der historischen Flagge posiert.

          Die Fahne war zu Beginn des Bürgerkriegs 1861 zunächst die Kriegsflagge der „Army of Northern Virginia“, doch rasch versammelten sich unter dem Banner die gesamten Südstaaten, die an der Sklaverei festhielten. Knapp hundert Jahre nach ihrer Niederlage entschied 1962 der demokratische Gouverneur von South Carolina, Fritz Hollings, die Flagge über der Kuppel des Kapitols wehen zu lassen. Das war ein Akt des Widerstands gegen die Bürgerrechtsbewegung, deren Anführer Martin Luther King auch in Charlestons Emanuel-Kirche auftrat. Immer wieder forderten Afroamerikaner und Verbündete, die Flagge zu entfernen. Doch viele Politiker widersetzten sich dem, da die Flagge die Opfer der Vorväter ehre. Erst nach einem Protestmarsch von Charleston nach Columbia schmiedete das Parlament 2000 einen Kompromiss: Die Flagge wurde vom Kapitol entfernt, dafür aber auf dem Gelände am Konföderierten-Denkmal gehisst.

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