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Massaker von Charleston : Der lange Schatten der Flagge

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Jetzt hat ein republikanischer Abgeordneter des Staats angekündigt, sobald das Parlament im Januar wieder tage, werde er einen Gesetzentwurf zur Beseitigung der Flagge einbringen. Der Abgeordnete heißt Norman Brannon, ist weiß und vertritt einen durch und durch konservativen Wahlkreis. Doch er war mit dem erschossenen Pastor der Emanuel-Kirche befreundet, der zugleich als Senator dem Parlament angehörte. „Mein Kumpel musste sterben, damit ich diesen Schritt ergreife“, sagte Brannon, „ich sollte mich schämen“. Es war nicht das erste Mal, dass ein Republikaner offen Abbitte leistet, weil er im Flaggenstreit nicht auf sein Herz gehört habe. So bedauerte es der Senator John McCain, der sich 2000 vergeblich um die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat beworben hatte, in seinen Memoiren, dass er sich damals aus Angst um Stimmenverluste um eine klare Stellungnahme gegen die Flagge gedrückt habe. Das sei eine der schlechtesten politischen Entscheidungen seines Lebens gewesen.

Die Präsidentschaftskandidaten von heute tun sich ebenfalls schwer. Immerhin findet nächsten Februar in South Carolina eine der ersten Vorwahlen statt, und noch im vergangenen Jahr sprachen sich drei von fünf Einwohnern für die Flagge aus – übrigens auch ein Drittel der befragten Schwarzen. Während die Demokratin Hillary Clinton abermals klarstellte, für sie gehöre die Flagge ins Museum, äußerte sich bei den republikanischen Anwärtern nur Jeb Bush genauso klar. Er hatte 2001 als Gouverneur die Konföderierten-Fahne auf dem Kapitol von Florida einholen lassen und gab sich zuversichtlich, dass auch die Politiker in South Carolina nun „das Richtige tun“ werden. Senator Marco Rubio deutete etwas vorsichtiger an, dass auch er nichts von der Flagge hält. Sein Kollege Lindesy Graham, der South Carolina in Washington vertritt, erklärte wortreich, dass er beide Seiten verstehe. Wisconsins Gouverneur Scott Walker forderte ausweichend, politischer Streit müsse zurückstehen, solange noch nicht einmal die Opfer des Massakers beerdigt seien. Der erzkonservative Mike Huckabee, der vor allem in den Südstaaten punkten will, teilte mit, die Frage habe nichts mit der Präsidentenwahl zu tun. Alle Republikaner wollen den Eindruck vermeiden, sich in die Angelegenheiten eines Staats einzumischen. South Carolinas republikanische Gouverneurin Nikki Haley verwies darauf, dass allein das Parlament den Status quo verändern könne. Deshalb sei die Flagge auch nicht auf halbmast gesetzt worden.

Der Flaggenstreit stellt diesmal die Debatte über das Waffenrecht in den Schatten, die sonst nach jedem Amoklauf und Attentat das Land entzweit. Vermutlich hätten selbst die Reformen, die Obama nach dem Schulmassaker von Newtown vergeblich durchzusetzen versucht hatte, den 21 Jahre alten Dylann Roof nicht von seiner Tat abgehalten. Denn den Erwerb von Pistolen, wie Roof sie benutzte, wollte auch Obama volljährigen, gesunden und nicht vorbestraften Bürgern nie verbieten. Trotzdem zeigte sich Obama im Garageninterview frustriert darüber, dass die amerikanische Öffentlichkeit den Kongress nicht unter Druck setze, sich aus dem Griff der Waffenlobby zu lösen. Keine andere entwickelte Nation auf der Erde erdulde es, dass es immer wieder zu Massakern wie in Charleston komme. „Wir haben uns daran gewöhnt, mit so etwas zu rechnen“, klagte Obama. Doch die Amerikaner müssten sich etwas eingestehen: „Das ist nicht normal.“

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