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Wahlen in Uruguay : Das Projekt Pepe ist in die Jahre gekommen

Er will noch mal: der linke Kandidat Tabaré Vázquez war zwischen 2005 und 2010 Uruguays Präsident. In Umfragen liegt er vor seinem konservativen Herausforderer Bild: AFP

In Uruguay bangt das linke Parteienbündnis von Präsident José Mujica vor der Wahl eines neuen Präsidenten um den Machterhalt. Die konservative Opposition will im Falle eines Wahlsiegs das Gesetz zur Liberalisierung von Marihuana kassieren.

          Da ist zuerst der Unterschied der Haartracht: hier der schüttere silbergraue Seitenscheitel, dort der kastanienbraune Vollschopf. Der ehemalige Präsident Tabaré Vázquez, der wieder um das Amt kandidiert, hat mit seinen 74 Jahren schon lange die Rentnergrenze überschritten, während sein 41 Jahre alter Herausforderer Luis Lacalle Pou gerade erst seinen Gipfelaufstieg begonnen hat. Die gut 2,6 Millionen Wähler stehen bei den Parlaments- und Präsidentenwahlen in Uruguay an diesem Sonntag also auch vor der Entscheidung zwischen zwei Generationen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zwischen Vázquez vom linken Parteienbündnis „Frente Amplio“ (Breite Front) und Lacalle Pou vom konservativen „Partido Nacional“ (Nationalpartei) sagen die Demoskopen bei den Präsidentschaftswahlen ein knappes Rennen voraus. Vázquez liegt in letzten Umfragen bei gut 42 Prozent Zustimmung, Lacalle Pou bei etwa 32 Prozent. Zudem bewerben sich noch Pedro Bordaberry vom liberalen „Partido Colorado“ (Rote Partei), der mit rund 16 Prozent der Stimmen rechnen kann, sowie weitere Kandidaten kleiner Parteien um das höchste politische Amt. Deshalb dürfte keiner der beiden Führenden schon im ersten Wahlgang vom 26. Oktober die erforderliche absolute Mehrheit der Stimmen erreichen. Der Stichentscheid findet dann am 30. November statt. Dabei wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet, denn die Anhänger Bordaberrys dürften in der Stichwahl fast geschlossen Lacalle Pou unterstützen.

          Gut möglich, dass die rund 100000 Jungwähler, die erstmals wahlberechtigt sind, den Ausschlag geben. Und darin liegt vielleicht das Hauptproblem des „Frente Amplio“ unter Präsident José „Pepe“ Mujica und Kandidat Vázquez. Mujica, der seit März 2010 regiert, ist schon 79 Jahre alt und darf gemäß Verfassung nicht direkt für eine weitere fünfjährige Amtszeit kandidieren. Also soll Mujicas Amtsvorgänger Vázquez, der schon von 2005 bis 2010 das Präsidentenamt bekleidet hat, auch sein Nachfolger werden. Wer als junger Erwachsener in diesem Jahr erstmals an den Wahlen teilnehmen darf, kann sich an nichts anderes als an ergraute Staatschefs des „Frente Amplio“ erinnern. Meinungsforscher wollen herausgefunden haben, dass schon bei den Wahlen von 2009 eine knappe Mehrheit der Jungwähler Uruguays für den damals 68 Jahre alten konservativen Oppositionskandidaten Luis Alberto Lacalle gestimmt hat – den Vater von Lacalle Pou. In diesem Jahr rechnen die Demoskopen damit, dass sogar drei Fünftel der Erstwähler im Stichentscheid für den Konservativen Lacalle Pou stimmen werden. Der könnte dank der Jungwähler mit nur 41 Jahren in die Fußstapfen seines Vaters treten, der von 1990 bis 1995 Präsident Uruguays war.

          Doch nicht nur die Abkehr der jungen Generation, die gewöhnlich mehrheitlich links wählt, ist ein Symptom für die Krise der in die Jahre gekommenen Herrschaft der Linken in Uruguay. Dabei ist die wirtschaftliche Entwicklung des Landes mit seinen heute 3,4 Millionen Einwohnern mehr als stabil. Seit dem Amtsantritt von Tabaré Vázquez, der 2005 als erster linker Präsident Uruguays an die Macht kam, wurden im Jahresdurchschnitt 5,5 Prozent Wachstum ermittelt. Für dieses Jahr und 2015 rechnet die Weltbank mit einer Wachstumsquote von jeweils rund 3,5 Prozent. Das Land hat die internationale Wirtschaftskrise in den Jahren nach 2008 nicht nur gut überstanden, sondern laut Weltbank-Bericht in dieser Zeit sogar die allgemeinen Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessert und große Fortschritte bei der Armutsbekämpfung gemacht. Die Arbeitslosenquote hat sich auf dem historischen Tiefstand von sechs Prozent eingependelt. Dem Präsidenten Mujica, der sein Image vom bescheidenen linken Landesvater sorgsam pflegt, wird von 62 Prozent der Bevölkerung eine gute Amtsführung bescheinigt.

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