https://www.faz.net/-gq5-7lybk

Legalisierung von Marihuana : Im Land des Lächelns

  • -Aktualisiert am

Es wächst und gedeiht: Brian Rudens Hanfplantage in einer alten Werkstatt in Denver Bild: Andreas Ross

Vor den Cannabis-Läden in Colorado stehen die Leute Schlange. In der Branche herrscht Goldgräberstimmung - sogar Steuern werden gern gezahlt. Ganz Amerika soll lernen, dass Legalisieren sich lohnt.

          10 Min.

          Brian Ruden hat seine Erntehelfer einbestellt. Seit der Früh sitzen sie zu fünft im Hinterzimmer und rupfen Blätter von frisch geschnittenen Hanfpflanzen. Rund eine Stunde braucht einer für ein einziges Gewächs, bis nur noch die Knospen an den Stengeln hängen. Geredet wird wenig, manche hören Musik über Ohrenstöpsel. Sie müssen bei der Sache bleiben, denn jedes übersehene Blättchen könnte das Trocknen der Blütenstände verzögern und damit deren planmäßige Verwandlung in gräuliche, bröselige, wohlriechende „buds“.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Auf der anderen Seite der Stahltür verkauft Ruden drei Gramm Marihuana für 60 Dollar inklusive Steuern. Das ist fast ein Schnäppchen dieser Tage in Denver. Viele Mitbewerber haben seit der Cannabis-Freigabe an Neujahr ihre Preise hochgeschraubt, weil die Nachfrage so groß ist. Ruden will die Kunden lieber dauerhaft an seinen Laden Starbuds binden. Die Kasse stimmt auch so.

          Gummibärchen, Gelatine-Himbeeren und Pralinen

          Es ist später Nachmittag, und die drei Verkäufer haben gut zu tun. Die älteren Herrschaften, die mit leuchtenden Augen in den grün getünchten Verkaufsraum kommen und von ihren Pot-Abenteuern damals im College erzählen, werden jetzt weniger. Stattdessen winkt der Türsteher Berufspendler durch, die sich für den Feierabend eindecken. Die meisten wollen sich Joints bauen. Ruden bietet zehn Sorten „Gras“ an. Nach der Schnupperprobe lassen sich Kenner besonders gern aus dem Glas mit der Aufschrift „Todesstern“ bedienen: kräftig und erdig, mit einem Hauch von Salbei.

          Es kommen aber auch Nichtraucher und Unerfahrene, deren Augen oft an den Süßwaren hängen bleiben. Nichts unterscheidet die abgepackten Gummibärchen, Gelatine-Himbeeren oder Pralinen auf den ersten Blick vom Angebot im Supermarkt. Futtert man ein 20-Dollar-Tütchen leer, hat man aber 100 Milligramm Tetrahydrocannabinol im Körper – so viel, wie in vier bis acht Joints steckt. Darauf kann man sich verlassen in Colorado. So steht es im Gesetz.

          Die Geburt einer neuen Branche: In Colorado ist der Handel mit Cannabis legal.
          Die Geburt einer neuen Branche: In Colorado ist der Handel mit Cannabis legal. : Bild: Andreas Ross

          Damit kennt Ruden sich aus, denn er ist Anwalt. Eigentlich. Hätte ihm vor fünf Jahren jemand in seiner Kanzlei prophezeit, dass er sich bald mit Bewässerung, Dünger und Umtopfplänen herumschlagen würde, „den hätte ich ausgelacht“. Wie viele Amerikaner störte sich Ruden seit langem daran, dass Kiffer ins Gefängnis gesteckt werden und dass dies mit ziemlich hohen Kosten verbunden ist.

          Gestört hat ihn aber auch, dass die volle Härte des Gesetzes dabei vor allem Schwarze und Latinos trifft. Aber er verstand sich nie als Aktivist, und er hätte sich auch nie das Standardwerk „Marijuana Horticulture: The Medical Grower’s Bible“ gekauft, wenn er nicht ein großes Geschäft gewittert hätte – die Geburt einer neuen Branche, eine Wildwest-Bonanza im 21. Jahrhundert. Ruden investierte seine Ersparnisse. „Privat gab ich nur das Nötigste aus, alles Geld floss ins Geschäft.“ Das war noch vor dem Referendum Ende 2012, als die Bürger ihr Recht auf Rausch in der Verfassung von Colorado verankerten.

          Drei Gramm pro Kunde und Tag

          Die Einnahme von Marihuana auf ärztliches Rezept war hier schon seit dem Jahr 2000 straffrei, und vor einigen Jahren hatten die Behörden begonnen, die im Wildwuchs entstandene Branche zu bändigen. Auch bei Starbuds prangt auf dem Firmenschild das grüne Kreuz, das mehr an eine Apotheke als an einen Amsterdamer Koffieshop erinnert. Doch seit er vor wenigen Wochen auch die Lizenz zum allgemeinen Verkauf erhielt, bedient Ruden fünfmal so viele Kunden und verkauft seine Ware zum doppelten Preis. Laut Gesetz dürfte er jedem Kunden aus Colorado eine ganze Unze verkaufen, aber fürs Erste ist Schluss bei „einem Achtel“: Gut drei Gramm pro Kunde und Tag müssen reichen. „Sonst stünden wir längst vor leeren Regalen.“

          So warm die Lampen im Obergeschoss des einstigen Wohnhauses nahe der Stadtautobahn auch auf den Hanf scheinen – es dauert, bis der Nachschub fertig ist. Ruden hat im Gewerbegebiet eine alte Werkstatt gemietet, in der er noch viel mehr Marihuana-Pflanzen anbaut, und er hat einen weiteren Laden in Colorado Springs. Groß ist die Verlockung zu expandieren. Als Erstes will er eine Million Dollar in ein drittes Gewächshaus stecken.

          Noble Marihuana-Läden in weißem Design

          Andere denken in noch größeren Dimensionen. Rudens Mitbewerber von Medicine Man planen bereits eine Kette nobler Marihuana-Läden, die im Design den weißen Apple Stores ähneln sollen. Die Firma Dixie Elixirs gibt gerade mehrere Millionen Dollar für den Bau einer neuen Produktionsanlage aus, in der sie ihre Limonaden, Trüffel, Hautcremes oder Tinkturen mit Cannabinoiden künftig herstellen will. Marketingdirektor Joe Hodas schwärmt von der etwa zweieinhalbtausend Quadratmeter großen Fabrik, die Platz für modernste Labore bieten werde.

          Das Start-up-Unternehmen wächst rapide, schon sind rund 30 Vollzeitkräfte an Bord. Hodas ist selbst erst seit wenigen Wochen dabei, „und dass wir jetzt einen Vollzeit-Marketingdirektor haben, spricht ja für sich“. Zum zweiten Mal binnen einer Woche schaut er heute bei Lodo Wellness vorbei, einem angesagten Cannabis-Laden mit alternativem Flair in bester Innenstadtlage. Leider hat er keine neue Ware dabei, denn der Kühlschrank mit den Dixie-Produkten, den er vor dem Wochenende randvoll zurückließ, ist komplett leergekauft.

          Beim Dealer im Park war es billiger

          Es ist Montagmittag, in der Stadt ist wenig los, aber mehrmals pro Minute signalisiert ein schepperndes Tonsignal die Ankunft neuer Kunden. Die halbe Stunde Schlangestehen scheint vor allem einen Anzugträger zu stören, der in seiner Lunchpause wohl nicht mehr zum Essen kommen wird. Ein vielleicht sechzig Jahre alter Mann, den sein Sohn mitgeschleppt hat, kann sich dagegen gar nicht lange genug umsehen. „Hier wächst das Gras vor aller Leute Augen! Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erlebe.“

          Ein paar junge Leute gucken missmutig auf den Preisaushang. Beim Dealer im Park war es billiger. Doch auch sie machen nicht kehrt, bevor sie eine jener kleinen braunen Papiertüten in der Hand halten, in denen andernorts Ansichtskarten verkauft werden. „Wir müssen abwarten“, mahnt Hodas, „was von dieser Aufregung übrig bleibt.“ Doch selbst wenn in Colorado bald die Begeisterung abflacht, die Konkurrenz wächst und die Preise purzeln – viel spricht dafür, dass sich die Investoren von heute spätestens übermorgen einen ungleich größeren Markt erschließen können. Denn überall in Amerika schwinden die Vorbehalte.

          Fürs Erste ziehen alle an einem Strang

          Selbst Barack Obama, der aus Jugenderfahrung spricht, hat Marihuana kürzlich in einem Interview für „nicht gefährlicher als Alkohol“ erklärt. Viel Empörung verursachte der Präsident nicht damit. In zwanzig Bundesstaaten ist der medizinische Gebrauch von Marihuana bereits erlaubt. 58 Prozent der Amerikaner heißen den unverkrampften Umgang mit Cannabis gut. „Wir haben in den letzten fünf Jahren größere Fortschritte gemacht als in den vier Jahrzehnten davor“, bestätigt Rachel Gillette, die örtliche Chefin der „Nationalen Organisation für die Reform der Marihuana-Gesetze“ (NORML). Zu lange habe man am „Modell Tomate“ festgehalten.

          „Dabei wissen wir doch alle“, sagt die Lobbyistin, „dass Marihuana keine Pflanze wie jede andere ist, sondern eine Droge. Wie Koffein, Nikotin oder Alkohol.“ Ihre Organisation vertritt die Interessen der Cannabis-Verbraucher; Hersteller und Händler haben ihre eigenen Verbände. Aber fürs Erste ziehen alle an einem Strang – und haben fast nur Gutes über die strengen Regeln zu sagen, die ihnen in Colorado auferlegt wurden. Alles, was den Skeptikern Wind aus den Segeln nimmt, wird gerne in Kauf genommen.

          Hochauflösende Überwachungskameras

          Bis zur letzten Aushilfe muss jeder Mitarbeiter von Starbuds ständig einen speziellen Ausweis bei sich tragen, den der Staat erst nach einem Blick ins polizeiliche Führungszeugnis ausstellt. „Keep off the grass“ verlangt ein Schild in Rudens Gewächshaus. Dass sich sein Hilfspersonal etwas abzweigt, braucht der Unternehmer im Ernst nicht zu befürchten, denn ebenso wie in seinem Laden und seinem Büro überwachen Dutzende hochauflösende Digitalkameras das Geschehen. 60 Tage lang muss er die Videos für die Inspekteure bereithalten. Jede einzelne Hanfpflanze trägt vom Setzling-Alter an ein Strichcode-Etikett und muss per Internet beim Aufsichtsamt registriert werden.

          Allabendlich hat Ruden zudem seinen Vorrat zu wiegen und das Ergebnis online zu melden. 8.700 Dollar Gebühr musste er berappen, als er beim Staat seine Lizenz beantragte. Die Stadt Denver kassierte sogar 10.000 Dollar. Dann kamen der Nachbarschaftsbeauftragte, der Mann vom Gesundheitsamt, der Brandschutzinspektor, ein Kontrolleur vom Bauamt und jemand von der Steuerbehörde. Ruden zuckt mit den Schultern. Wirklich lästig, sagt er dann, sei allenfalls die Vorschrift, dass essbare Cannabis-Produkte nur in kindersicheren, wiederverschließbaren Packungen über die Theke gehen dürfen.

          Direkt vom Erzeuger: Im „Starbuds“ kann man drei Gramm Marihuana für 60 Dollar erwerben
          Direkt vom Erzeuger: Im „Starbuds“ kann man drei Gramm Marihuana für 60 Dollar erwerben : Bild: Andreas Ross

          „Aber was soll’s“, setzt Ruden rasch hinzu. „Ist das nicht ein kleiner Preis für die Legalisierung von Marihuana?“ „O ja“, bestätigt Matt Cook, „sie alle lieben unsere Regeln.“ Wenn Cook von „unseren Regeln“ spricht, dann meint er „meine Regeln“, denn er hat das Korsett geschnürt, das der Cannabis-Branche in Colorado ihre straffe Form gibt. Für Bescheidenheit sieht er keinen Anlass: „Die ganze Welt orientiert sich an uns.“ Persönlich hielt Cook von der Cannabis-Freigabe zwar gar nichts, besonders am Anfang.

          Aber als Abteilungsleiter in der Aufsichtsbehörde fiel es ihm 2009 zu, ein Regelwerk auszuarbeiten, nachdem immer mehr Cannabis-Apotheken aus dem Boden geschossen waren, die niemand kontrollierte. „Man nehme ein bisschen Alkohol, ein bisschen Glücksspiel, ein bisschen Pferdewetten, und fertig ist die Verordnung“, sagt Cook, der nach 36 Jahren als Ordnungshüter sein Geld inzwischen als „Cannabis-Politikberater“ auf dem freien Markt verdient.

          „Ich habe ich nie gehört, dass ein Kiffer seine Frau verprügelt“

          Ganz so leicht war die Geburt der mehr als hundert Seiten füllenden Paragraphen aber wohl doch nicht. Alle paar Wochen setzte sich Cook damals mit den betroffenen Parteien an einen Tisch. „Anfangs saßen alle Polizisten auf der einen Seite und starrten grimmig auf die Züchter gegenüber“, erinnert Cook sich. „Aber am Ende haben sich alle gut verstanden.“ Zu den öffentlichen Anhörungen, die er abhielt, kamen Tausende Bürger. Eltern und Lehrer sorgten sich, dass Jugendliche noch leichter an Cannabis kommen und in ihrer Entwicklung gestört würden.

          Es meldeten sich aber auch Epileptiker oder Schmerzpatienten zu Wort, die eindrucksvoll erzählten, wie sehr ihnen Cannabis helfe. Das hat Cook ins Grübeln gebracht, auch wenn er als Fachmann für die Ära der Prohibition besser als die meisten Leute weiß, dass selbst Alkohol in Amerika zunächst als medizinisches Mittel zugelassen wurde. Die Legalisierung von Marihuana als Genussmittel findet Cook denn auch bis heute falsch. Man brauche keine weiteren Stoffe, „die ohne medizinischen Grund das Bewusstsein verändern“. Allerdings, fügt er hinzu, „habe ich nie gehört, dass ein Kiffer seine Frau verprügelt. Und im Auto sind sie vielleicht zu langsam unterwegs, aber nicht aggressiv.“

          Der öffentliche Konsum ist untersagt

          Die Besorgten, denen in Denver unter anderen der Stadtrat Charlie Brown eine Stimme gab, sind nicht verstummt. Aber das Chaos, das Brown zum Jahreswechsel heraufziehen sah, blieb aus. „Ich muss zugeben, dass die Leute, die vor den Läden Schlange standen, sehr höflich und friedlich warteten“, lobt er. Mit seinem Sohn hatte er sich am 1. Januar im Morgengrauen unters Volk gemischt. „Aber jetzt kommt schon das nächste Problem“, knurrt der Politiker sogleich wieder und lugt grimmig unter seinem Cowboyhut hervor.

          Am 20. April, den die Marihuana-Aktivisten aller Welt als Cannabis-Tag begehen, wollen sich Tausende Aktivisten auf der Freifläche zwischen Rathaus und Kapitol versammeln – und kiffen. Dabei ist der öffentliche Cannabis-Konsum in Denver strengstens verboten. Nicht einmal Bars, Cafés oder Clubs dürfen ein Auge zudrücken. Kiffen geht im Epizentrum der Legalisierung nur zu Hause – und nur drinnen, sofern der Balkon von außen einsehbar ist. Manche im Stadtrat plädieren dafür, am 20. April fünfe gerade sein zu lassen. Brown passt das nicht. „Wir können unsere Gesetze doch nicht nur manchmal durchsetzen!“

          Der Stadtrat sieht die ganze Sache so ähnlich wie der Bürgermeister, der Generalanwalt und der Gouverneur von Colorado: Erst in fünf oder zehn Jahren werde man wirklich wissen, was man sich mit dem Cannabis-Experiment angetan habe. Von niemandem, erst recht nicht von Barack Obama, lässt sich der Parteilose die Sorge nehmen, dass auch an den Schulen künftig noch mehr gekifft werde. „Überall wird doch jetzt für das Zeug geworben“, schimpft Brown. „Wir laufen Gefahr, eine ganze Generation zu verlieren!“

          Strichcode: Jede einzelne Hanfpflanze muss beim Aufsichtsamt registriert werden
          Strichcode: Jede einzelne Hanfpflanze muss beim Aufsichtsamt registriert werden : Bild: Andreas Ross

          Brown hatte gefordert, dass Denver neben seinem Anteil an der Verkaufsteuer von 3,6 Prozent wenigstens noch eine Zusatzabgabe auf Marihuana erhebt, um mit dem Erlös eine Anti-Drogen-Kampagne zu finanzieren. Da aber schon die Steuern und Abgaben, die der Staat kassiert, gut ein Viertel des Umsatzes verschlingen, konnte er sich nicht durchsetzen. Im Stadtrat fand sein demokratischer Kollege Chris Nevitt mehr Gehör, der die Legalisierung als Projekt der Wirtschaftsförderung anpackte. „Wir führten die Debatten 2009“, sagt Nevitt, „auf dem Tiefpunkt der Großen Rezession. Was konnten wir da Klügeres tun, als einer neuen Industrie auf die Beine zu helfen?“ Auch Charlie Brown gibt zu, dass die Besitzer brachliegender Gewerbeflächen die neuen Mieter nur zu gerne aufnahmen.

          „Diese Leute haben ja auch beim Preis nicht lange gefeilscht.“ Kollege Nevitt schwärmt nicht nur von den „Tausenden neuen Vollzeitjobs“, die allein in Denver schon entstanden seien, sondern erwartet zudem einen Export-Boom, sobald andere Staaten ihre Politik ändern. „Wenn etwa in Massachusetts Cannabis erlaubt wird, dann werden die dortigen Züchter ihre Heizlampen, ihre Ventilatoren bei uns einkaufen – und nicht zuletzt die Expertise!“ Das ist Zukunftsmusik. Derzeit dürfen Hersteller wie Dixie Elixirs nicht einmal eine Produktprobe mit der Post versenden.

          Nach Bundesrecht weiterhin verboten

          Denn nach Bundesrecht ist und bleibt Marihuana ein verbotenes Suchtmittel wie Heroin oder Kokain – und Brian Ruden ein Drogendealer. Dass die Bundesrauschgiftpolizei DEA demnächst Starbuds stürmt, muss er zwar nicht befürchten. Das Justizministerium in Washington hat Colorado versichert, es respektiere die Verfassungsänderung, solange der Jugendschutz beachtet und weitere Bedingungen eingehalten werden. Aber solange der Bund seine Gesetze nicht ändert, kann Ruden zum Beispiel seine Betriebskosten nicht von der Steuer absetzen.

          Rachel Gillette von der Lobbygruppe NORML hat ihm erklärt, dass er das einem Kokainschmuggler zu verdanken hat, über den sich Amerika vor mehr als drei Jahrzehnten empörte: Der Mann wurde nach seiner Verurteilung von der Steuerbehörde zur Kasse gebeten, setzte dann aber vor Gericht durch, dass er die Kosten für seine Yachten als Betriebsausgaben geltend machen durfte, weil er sie für den Schmuggel gebraucht habe. Der Kongress erließ daraufhin ein gesetzliches Verbot. An dem rüttelt auch eine Verfassungsänderung in Colorado nicht.

          Vielleicht noch schwerer wiegt, dass Ruden und seine Branchenkollegen weder einen Bankkredit beantragen noch auch nur ein Konto eröffnen dürfen. Die Geldinstitute müssten sonst fürchten, von Bundesbehörden wegen Geldwäsche belangt zu werden. Wenn demnächst also die Steuern für den Januar fällig werden, wird Ruden rund 30.000 Dollar persönlich zum Amt tragen – in kleinen Scheinen. „Streng genommen, macht sich der Staat durch die Annahme wohl selbst der Geldwäsche schuldig“, mutmaßt Gillette.

          Fünf Millionen Dollar Umsatz in der ersten Woche

          Auch ihre immensen Stromrechnungen müssen die Züchter bar begleichen. Weil Kunden ohne Bankkonto das im Einzelhandel tun dürfen, kommt es in letzter Zeit immer wieder vor, dass jemand an der Supermarktkasse plötzlich 20.000 Dollar auspackt. Als Chris Brown sich neulich mit einem Marihuana-Händler zum Essen traf, ließ der ihn einen Blick in seine Tragetasche werfen: „Der Mann kam mit 86.000 Dollar ins Restaurant! Aber was hätte er auch tun sollen – das Geld im Auto lassen?“ Bundesjustizminister Eric Holder hat jetzt versprochen, für das Problem eine Lösung zu suchen.

          Matt Cook hofft, dass er sich beeilt. Er weiß von einer Frau aus der Branche, die zu Hause überfallen wurde. „Die Täter haben ihr die Waffe an den Kopf gehalten und sind mit drei Millionen Dollar abgehauen. Sie hatte das Geld im Keller liegen.“ Doch von einer Räuberpistole lassen sich die neuen Unternehmer in Colorado ihre Goldgräberlaune nicht vermiesen. Fünf Millionen Dollar, so wird in Denver geschätzt, haben sie allein in der ersten Woche nach der Legalisierung umgesetzt.

          Stadtrat Nevitt plädiert für Geduld und Regeltreue, um die in der Gesellschaft verbleibende „Angst vor dem Unbekannten“ behutsam abzubauen. Auch Kollege Brown glaubt nicht, dass sich die Uhr wieder zurückdrehen ließe. Man stelle sich nur einmal vor, wie viel Geld die Branche in die nächsten Wahlkämpfe pumpen könne. „Ich sage voraus“, fügt Brown hinzu, „dass Denver in ein paar Jahren voller Kiffer-Cafés ist.“ Auf einem Stadtplan in seinem Büro sind alle Cannabis-Geschäfte verzeichnet. „Völlig verrückt“, sagt Charlie Brown und tippt an seinen Hut. „Starbucks ist nichts dagegen.“

          Weitere Themen

          „Luxus ist cool und jung geworden“

          Geschäftsführer von Mytheresa : „Luxus ist cool und jung geworden“

          Aus der Boutique Theresa in München ist einer der größten Händler für Luxusmode im Internet geworden. Geschäftsführer Michael Kliger spricht über das wachsende Geschäft und erzählt von anspruchsvollen Kundinnen und faulen Männern.

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock signiert am Donnerstag nach der Vorstellung ihres Buches ein Exemplar

          F.A.Z. Exklusiv : Baerbocks Pakt mit der Wirtschaft

          Die grüne Kanzlerkandidatin konkretisiert ihr Wirtschaftsprogramm. Ein zentraler Punkt sind Klimaschutzverträge, über die sie Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen will. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht.
          Problem gelöst durch Rainer Koch? Die Rücktritte aus der Ethikkommission sagen etwas anderes.

          DFB-Ethikrat aufgelöst : „Kapelle auf der Titanic“

          Der DFB sprengt seine gegen Interimspräsident Koch ermittelnde Ethikkommission – und löst Entsetzen aus unter den Betroffenen und Empörung in der Politik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.