https://www.faz.net/-gq5-7lybk

Legalisierung von Marihuana : Im Land des Lächelns

  • -Aktualisiert am

Es meldeten sich aber auch Epileptiker oder Schmerzpatienten zu Wort, die eindrucksvoll erzählten, wie sehr ihnen Cannabis helfe. Das hat Cook ins Grübeln gebracht, auch wenn er als Fachmann für die Ära der Prohibition besser als die meisten Leute weiß, dass selbst Alkohol in Amerika zunächst als medizinisches Mittel zugelassen wurde. Die Legalisierung von Marihuana als Genussmittel findet Cook denn auch bis heute falsch. Man brauche keine weiteren Stoffe, „die ohne medizinischen Grund das Bewusstsein verändern“. Allerdings, fügt er hinzu, „habe ich nie gehört, dass ein Kiffer seine Frau verprügelt. Und im Auto sind sie vielleicht zu langsam unterwegs, aber nicht aggressiv.“

Der öffentliche Konsum ist untersagt

Die Besorgten, denen in Denver unter anderen der Stadtrat Charlie Brown eine Stimme gab, sind nicht verstummt. Aber das Chaos, das Brown zum Jahreswechsel heraufziehen sah, blieb aus. „Ich muss zugeben, dass die Leute, die vor den Läden Schlange standen, sehr höflich und friedlich warteten“, lobt er. Mit seinem Sohn hatte er sich am 1. Januar im Morgengrauen unters Volk gemischt. „Aber jetzt kommt schon das nächste Problem“, knurrt der Politiker sogleich wieder und lugt grimmig unter seinem Cowboyhut hervor.

Am 20. April, den die Marihuana-Aktivisten aller Welt als Cannabis-Tag begehen, wollen sich Tausende Aktivisten auf der Freifläche zwischen Rathaus und Kapitol versammeln – und kiffen. Dabei ist der öffentliche Cannabis-Konsum in Denver strengstens verboten. Nicht einmal Bars, Cafés oder Clubs dürfen ein Auge zudrücken. Kiffen geht im Epizentrum der Legalisierung nur zu Hause – und nur drinnen, sofern der Balkon von außen einsehbar ist. Manche im Stadtrat plädieren dafür, am 20. April fünfe gerade sein zu lassen. Brown passt das nicht. „Wir können unsere Gesetze doch nicht nur manchmal durchsetzen!“

Der Stadtrat sieht die ganze Sache so ähnlich wie der Bürgermeister, der Generalanwalt und der Gouverneur von Colorado: Erst in fünf oder zehn Jahren werde man wirklich wissen, was man sich mit dem Cannabis-Experiment angetan habe. Von niemandem, erst recht nicht von Barack Obama, lässt sich der Parteilose die Sorge nehmen, dass auch an den Schulen künftig noch mehr gekifft werde. „Überall wird doch jetzt für das Zeug geworben“, schimpft Brown. „Wir laufen Gefahr, eine ganze Generation zu verlieren!“

Strichcode: Jede einzelne Hanfpflanze muss beim Aufsichtsamt registriert werden
Strichcode: Jede einzelne Hanfpflanze muss beim Aufsichtsamt registriert werden : Bild: Andreas Ross

Brown hatte gefordert, dass Denver neben seinem Anteil an der Verkaufsteuer von 3,6 Prozent wenigstens noch eine Zusatzabgabe auf Marihuana erhebt, um mit dem Erlös eine Anti-Drogen-Kampagne zu finanzieren. Da aber schon die Steuern und Abgaben, die der Staat kassiert, gut ein Viertel des Umsatzes verschlingen, konnte er sich nicht durchsetzen. Im Stadtrat fand sein demokratischer Kollege Chris Nevitt mehr Gehör, der die Legalisierung als Projekt der Wirtschaftsförderung anpackte. „Wir führten die Debatten 2009“, sagt Nevitt, „auf dem Tiefpunkt der Großen Rezession. Was konnten wir da Klügeres tun, als einer neuen Industrie auf die Beine zu helfen?“ Auch Charlie Brown gibt zu, dass die Besitzer brachliegender Gewerbeflächen die neuen Mieter nur zu gerne aufnahmen.

„Diese Leute haben ja auch beim Preis nicht lange gefeilscht.“ Kollege Nevitt schwärmt nicht nur von den „Tausenden neuen Vollzeitjobs“, die allein in Denver schon entstanden seien, sondern erwartet zudem einen Export-Boom, sobald andere Staaten ihre Politik ändern. „Wenn etwa in Massachusetts Cannabis erlaubt wird, dann werden die dortigen Züchter ihre Heizlampen, ihre Ventilatoren bei uns einkaufen – und nicht zuletzt die Expertise!“ Das ist Zukunftsmusik. Derzeit dürfen Hersteller wie Dixie Elixirs nicht einmal eine Produktprobe mit der Post versenden.

Weitere Themen

Biden verfehlt sein Impfziel

Kampf gegen Corona : Biden verfehlt sein Impfziel

Bis zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli wollte Joe Biden siebzig Prozent der Amerikaner impfen lassen. Doch viele Bürger ziehen nicht mit – nicht einmal, wenn man sie mit Millionengewinnen lockt.

Topmeldungen

„Deutschland spricht“ : Wo sich ein Grüner und ein AfDler einig sind

Robert Gödel ist AfD-Mitglied, Yannick Werner bei den Grünen. Beide wollen bei der Aktion „Deutschland spricht“ dem politischen Gegner den Schrecken vor der eigenen Position nehmen – und entdecken dabei einige Gemeinsamkeiten.
Weiter keine Einreise für Individualtouristen: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett kündigte dies am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an.

Delta-Variante verbreitet sich : Geimpfte in Israel neu infiziert

Israel sorgt sich wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Weil auch Geimpfte neu infiziert wurden, nimmt das Land Lockerungen zurück und lässt Individualtouristen vorerst nicht einreisen.

Alle außer München : Kunterbunte Fußballstadien

Ein Fest für Beleuchter: Ob Berliner Olympiastadion, Frankfurter Waldstadion oder Kölner, Augsburger und Wolfsburger Erstliga-Arenen: Sie alle erstrahlten stellvertretend für München in Regenbogenfarben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.