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Legalisierung von Marihuana : Im Land des Lächelns

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„Dabei wissen wir doch alle“, sagt die Lobbyistin, „dass Marihuana keine Pflanze wie jede andere ist, sondern eine Droge. Wie Koffein, Nikotin oder Alkohol.“ Ihre Organisation vertritt die Interessen der Cannabis-Verbraucher; Hersteller und Händler haben ihre eigenen Verbände. Aber fürs Erste ziehen alle an einem Strang – und haben fast nur Gutes über die strengen Regeln zu sagen, die ihnen in Colorado auferlegt wurden. Alles, was den Skeptikern Wind aus den Segeln nimmt, wird gerne in Kauf genommen.

Hochauflösende Überwachungskameras

Bis zur letzten Aushilfe muss jeder Mitarbeiter von Starbuds ständig einen speziellen Ausweis bei sich tragen, den der Staat erst nach einem Blick ins polizeiliche Führungszeugnis ausstellt. „Keep off the grass“ verlangt ein Schild in Rudens Gewächshaus. Dass sich sein Hilfspersonal etwas abzweigt, braucht der Unternehmer im Ernst nicht zu befürchten, denn ebenso wie in seinem Laden und seinem Büro überwachen Dutzende hochauflösende Digitalkameras das Geschehen. 60 Tage lang muss er die Videos für die Inspekteure bereithalten. Jede einzelne Hanfpflanze trägt vom Setzling-Alter an ein Strichcode-Etikett und muss per Internet beim Aufsichtsamt registriert werden.

Allabendlich hat Ruden zudem seinen Vorrat zu wiegen und das Ergebnis online zu melden. 8.700 Dollar Gebühr musste er berappen, als er beim Staat seine Lizenz beantragte. Die Stadt Denver kassierte sogar 10.000 Dollar. Dann kamen der Nachbarschaftsbeauftragte, der Mann vom Gesundheitsamt, der Brandschutzinspektor, ein Kontrolleur vom Bauamt und jemand von der Steuerbehörde. Ruden zuckt mit den Schultern. Wirklich lästig, sagt er dann, sei allenfalls die Vorschrift, dass essbare Cannabis-Produkte nur in kindersicheren, wiederverschließbaren Packungen über die Theke gehen dürfen.

Direkt vom Erzeuger: Im „Starbuds“ kann man drei Gramm Marihuana für 60 Dollar erwerben
Direkt vom Erzeuger: Im „Starbuds“ kann man drei Gramm Marihuana für 60 Dollar erwerben : Bild: Andreas Ross

„Aber was soll’s“, setzt Ruden rasch hinzu. „Ist das nicht ein kleiner Preis für die Legalisierung von Marihuana?“ „O ja“, bestätigt Matt Cook, „sie alle lieben unsere Regeln.“ Wenn Cook von „unseren Regeln“ spricht, dann meint er „meine Regeln“, denn er hat das Korsett geschnürt, das der Cannabis-Branche in Colorado ihre straffe Form gibt. Für Bescheidenheit sieht er keinen Anlass: „Die ganze Welt orientiert sich an uns.“ Persönlich hielt Cook von der Cannabis-Freigabe zwar gar nichts, besonders am Anfang.

Aber als Abteilungsleiter in der Aufsichtsbehörde fiel es ihm 2009 zu, ein Regelwerk auszuarbeiten, nachdem immer mehr Cannabis-Apotheken aus dem Boden geschossen waren, die niemand kontrollierte. „Man nehme ein bisschen Alkohol, ein bisschen Glücksspiel, ein bisschen Pferdewetten, und fertig ist die Verordnung“, sagt Cook, der nach 36 Jahren als Ordnungshüter sein Geld inzwischen als „Cannabis-Politikberater“ auf dem freien Markt verdient.

„Ich habe ich nie gehört, dass ein Kiffer seine Frau verprügelt“

Ganz so leicht war die Geburt der mehr als hundert Seiten füllenden Paragraphen aber wohl doch nicht. Alle paar Wochen setzte sich Cook damals mit den betroffenen Parteien an einen Tisch. „Anfangs saßen alle Polizisten auf der einen Seite und starrten grimmig auf die Züchter gegenüber“, erinnert Cook sich. „Aber am Ende haben sich alle gut verstanden.“ Zu den öffentlichen Anhörungen, die er abhielt, kamen Tausende Bürger. Eltern und Lehrer sorgten sich, dass Jugendliche noch leichter an Cannabis kommen und in ihrer Entwicklung gestört würden.

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