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Amerika-Gipfel : Schuld waren die anderen

Teilte aus, musste aber nicht einstecken: Kubas Präsident Raúl Castro Bild: AFP

Raúl Castro ließ es sich bei seinem Auftritt in Panama trotz der amerikanisch-kubanischen Annäherung nicht nehmen, auf die imperialistische Politik Washingtons zu schimpfen. Obama aber lobte er als „ehrlichen Mann“.

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          Raúl Castro brachte den Saal mit einer Übung im kleinen Einmaleins zum Lachen. Doch sein Rechenkunststück war nicht als Witz gemeint. Es war der reine Ernst und die ziemlich exakte Ankündigung der Dauer seiner bevorstehenden historischen Lektion dazu. Panama, der Gastgeber des Amerika-Gipfels, hatte die Redezeit für die politischen Führer auf jeweils acht Minuten begrenzt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Damit wollte sich Castro nicht begnügen. „Sie schulden mir sechs Gipfel, weil Sie mich sechs Mal ausgeschlossen haben“, rechnete der kubanische Staatschef vor: „Und 6 mal 8 ist 48“. Das ergab 48 Minuten Redezeit, sozusagen als Wiedergutmachung. Schallendes Gelächter im Saal. Der amerikanische Präsident Barack Obama bemühte sich, keine Regung zu zeigen. Und Castro nutzte seine erste Gipfelteilnahme, um fast eine geschlagene Stunde gegen die Vereinigten Staaten zu wettern.

          Zum Abschluss hob der kubanische Staats- und Parteichef als eine Art Musterschüler seines Geschichtsunterrichts den amerikanischen Präsidenten Barack Obama hervor: Dieser sei „ein ehrlicher Mann“ und könne für die „Aggression“ der Vereinigten Staaten gegen sein Land im Kalten Krieg nicht verantwortlich gemacht werden.

          Das brutalste Instrument dieser fortgesetzten imperialistischen Aggression sei – neben den zahlreichen Umsturzversuchen des Geheimdienstes CIA – die vor gut einem halben Jahrhundert von Washington gegen Havanna verhängte Wirtschaftsblockade gewesen. Deren Folgen seien für die Kubaner „entsetzlicher gewesen, als sich irgendjemand vorstellen kann“, sagte Castro am Samstagabend beim Plenumstreffen des Amerika-Gipfels im Atlapa-Kongresszentrum in Panama-Stadt.

          Förderung von Demokratie und Freihandel

          Der Gipfel von Panama-Stadt war das insgesamt siebte Treffen der Staats- und Regierungschefs der „Organisation Amerikanischer Staaten“ (OAS). Die Organisation, in der die 35 Länder der westlichen Hemisphäre von Alaska bis nach Feuerland mit ihren heute gut 982 Millionen Menschen zusammengeschlossen sind, besteht schon seit 1948. Doch bis zum ersten Gipfeltreffen dauerte es fast ein halbes Jahrhundert: 1994 lud der damalige Präsident Bill Clinton zum ersten Amerika-Gipfel nach Miami in Florida ein. In Miami wurde vereinbart, dass die Gipfeltreffen im Abstand von drei bis vier Jahren jeweils abwechselnd im Süden und im Norden des amerikanischen Kontinents stattfinden sollten.

          Hauptziel der Gipfeltreffen – wie der OAS überhaupt – ist die Förderung von Demokratie und Freihandel. Washington bestand seit der Revolution auf Kuba von 1959 darauf, dass das kommunistische Regime der Brüder Fidel und Raúl Castro wirtschaftlich und politisch isoliert blieb und nicht zu den ersten sechs Amerika-Gipfeln eingeladen wurde: Schließlich gab – und gibt – es auf Kuba keine Demokratie. Auch Präsident Obama hielt lange am Embargo gegen Kuba und am Gipfelausschluss von Havanna fest. Damit folgte er der Linie von neun amerikanische Präsidenten vor ihm.

          „Der Kalte Krieg ist seit langem vorbei“

          Doch dann kam, nach anderthalbjährigen Geheimverhandlungen des Weißen Hauses mit der kommunistischen Führung in Kuba, am 17. Dezember 2014 die Übereinkunft Barack Obamas und Raúl Castros zur Normalisierung der Beziehungen und zur Wiederaufnahme der seit 1961 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen. Bei den Vorbereitungen zum OAS-Gipfel in Panama ließ Washington erkennen, dass man gegen die Teilnahme Kubas nichts mehr einzuwenden habe. Und so kam es, dass am Samstag im Atlapa-Konferenzzentrum erstmals seit fast 60 Jahren die Staatsoberhäupter der Vereinigten Staaten und Kubas zu einem offiziellen Treffen zusammenkamen. Das bilaterale Treffen am Rande des OAS-Gipfels dauerte etwa 80 Minuten.„Der Kalte Krieg ist seit langem vorbei“, sagte Obama nach dem Gespräch mit Castro und versicherte: „Kuba ist keine Bedrohung für die Vereinigten Staaten.“

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