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Kubanische Ärzte : Gestrandet in Bogotá

Kubanische Ärzte demonstrieren in Bogotá. Bild: AP

Immer mehr kubanische Ärzte fliehen nach Kolumbien. Dort hoffen sie auf ein Visum für die Vereinigten Staaten. Doch aus Rücksicht auf Havanna ist Washington bei der Vergabe inzwischen restriktiver.

          Niemand weiß, wie viele Kubaner es sind, die in der „Ciudad Kennedy“ festsitzen. Es sind gewiss Hunderte, vielleicht auch um die tausend oder gar 1700, wie es in manchen Schätzungen heißt. Offizielle Statistiken jedenfalls gibt es nicht über die Zahl kubanischer Ärzte und Pfleger, Therapeuten und Medizintechniker, die sich in den vergangenen Monaten aus Venezuela nach Kolumbien abgesetzt haben. Sie alle kommen, nach einer beschwerlichen und oft gefährlichen Reise, in die Hauptstadt Bogotá. Und die allermeisten landen in der „Ciudad Kennedy“, jenem Distrikt, der nach dem Mord an John F. Kennedy 1963 zu dessen Ehren umbenannt wurde. Wegen der günstigen Mieten kommen die meisten der flüchtigen kubanischen Mediziner hierher.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Ihr erster Gang ist stets der zur amerikanischen Botschaft. Dort beantragen sie ein Visum für die Vereinigten Staaten. Denn 2006 erließ der damalige amerikanische Präsident George W. Bush per Dekret das „Cuban Medical Professional Parole Program“ (CMPP), wonach „desertierte“ kubanische Ärzte und Pfleger umstandslos in die Vereinigten Staaten einreisen dürfen und eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.

          Doch immer mehr Kubaner in Kennedy müssen jetzt monatelang, manche sogar mehr als ein Jahr auf einen Bescheid zu ihrem Visumsantrag warten, während früher das Visum in der Regel innerhalb von wenigen Wochen erteilt wurde. Und die Zahl der abgelehnten Visumsanträge habe deutlich zugenommen, heißt es unter den Exil-Kubanern in Kennedy. Viele unter ihnen argwöhnen, das CMPP aus der Ära des Republikaners Bush könnte von der Regierung unter dem demokratischen Präsidenten Barack Obama abgeschafft werden. Die wachsende Zahl abgelehnter Visumsanträge sei dafür ein Anzeichen. Tatsächlich hat die Führung in Havanna in Gesprächen mit Washington das CMPP immer wieder heftig kritisiert und dessen Ende gefordert. Ziel des Programms sei es, kubanische Mediziner zum Überlaufen in die Vereinigten Staaten zu bewegen und mit diesem Verlust an Humankapital Kuba zu schaden.

          Aus dem State Department in Washington heißt es offiziell, das CMPP gelte weiter wie bisher, die Verzögerungen und Ablehnungen bei den Visaanträgen kubanischer Ärzte und Pfleger stünden in „keinerlei Zusammenhang“ mit der von Obama vorangetriebenen diplomatischen Aussöhnung mit Kuba. Derweil wird die Lage für die meisten Kubaner in Kennedy immer schwieriger. In Kolumbien erhalten aus Venezuela geflohene Kubaner zwar einen Duldungsbescheid, aber keine Arbeitserlaubnis. Viele schlagen sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsarbeiten durch, doch das Geld reicht kaum für das Nötigste. Am Samstag machten Hunderte kubanischer Ärzte und Pfleger mit einer Demonstration in Kennedy erstmals öffentlich auf ihr Schicksal aufmerksam.

          Geld gibt es nur bei Rückkehr

          Die Kubaner in Bogotá gehören zum medizinischen Personal, das vom kommunistischen Regime in Havanna seit vielen Jahren als eine Art humanitärer Export in zahlreiche Länder geschickt wird. Zuletzt waren Hunderte Kubaner in Westafrika im Kampf gegen die Ebola-Epidemie im befristeten Notfalleinsatz. Die meisten kubanischen Ärzte und Pfleger werden aber für längere Zeit ins Ausland geschickt, für ein bis zwei Jahre, und dann vor allem in „Bruderländer“ wie Venezuela. Dort stehen nach Angaben der Regierung in Caracas derzeit mehr als 10.000 Kubaner im medizinischen Freundschaftsdienst. Das Regime in Havanna verfolgt mit den „Miet-Medizinern“ aber auch finanzielle Interessen. Nach Schätzungen von Fachleuten nimmt Havanna durch sie jährlich rund 4,6 Milliarden Euro ein; diese Einnahmen sind noch vor dem Tourismus die wichtigste Devisenquelle für das Land.

          Grundsätzlich werden Zahlungen für kubanisches medizinisches Personal im Ausland so abgewickelt, dass die betreffenden Staaten die Devisenbeträge direkt an das Regime in Havanna überweisen. Die im Ausland tätigen Kubaner bekommen nur einen geringen Anteil dieser „Leihgebühr“ ausgezahlt, und davon wiederum nur einen Teil als Gehaltszahlung am Einsatzort. Der in der Regel größere Teil wird auf einem Devisenkonto in Kuba deponiert. Auf dieses Treuhandkonto haben die Kubaner aber erst nach ihrer Rückkehr Zugriff, und auch erst dann, wenn sie die vereinbarte Gesamtdauer des Auslandseinsatzes abgeleistet haben. Wer früher als vertraglich festgesetzt heimkehrt, verliert das Depot ganz oder teilweise. Frauen dürfen im Auslandseinsatz nicht schwanger werden, weil sie sonst nicht unbedingt die gesamte vereinbarte Einsatzdauer ableisten könnten.

          Das Regime in Havanna behält nach Erkenntnissen der Ärzteorganisation „Solidaridad Sin Fronteras“ (Solidarität ohne Grenzen/SSF), die sich in Miami in Florida für geflohene kubanische Ärzte und Pfleger einsetzt, bis zu 93 Prozent der Devisenzahlungen. In Venezuela kommen für das medizinische Personal aus Kuba nun noch die immer katastrophaleren Lebensverhältnisse hinzu: Versorgungsengpässe bei Gütern des täglichen Bedarfs, schlechte Wohnverhältnisse, die galoppierende Inflation, die prekäre Sicherheitslage. „Die Verschlechterung der Lebensverhältnisse in Venezuela hat die Zahl der Desertationen in die Höhe getrieben“, sagt Alfonso. Unsicherheit, niedrige Löhne, Ausbeutung und die Kontrolle über ihr Privatleben sind nach Angaben Alfonsos die Hauptgründe dafür, dass sich immer mehr Kubaner über die grüne Grenze nach Kolumbien absetzen. Und dann im Stadtteil Kennedy von Bogotá stranden.

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