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Kubas Kampf gegen Ebola : Die Chefärzte der internationalen Solidarität

Kubanische Helfer entladen in Freetown, Sierra Leone, die Flugzeuge. Bild: AFP

Hunderte kubanische Helfer kämpfen in Westafrika gegen Ebola. Sie folgen damit einer revolutionären Tradition - und werden selbst von den Amerikanern gelobt.

          Nicht nur die EU, die UN und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind voll des Lobes für Kuba, selbst der Erzfeind Vereinigte Staaten applaudiert. Denn kein Land hat so früh so viel in den Kampf gegen Ebola investiert wie der Karibik-Inselstaat mit seinen elf Millionen Einwohnern.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Schon Anfang Oktober flogen die ersten 165 kubanischen Ärzte und Pfleger nach Freetown, in die Hauptstadt des westafrikanischen Staats Sierra Leone. Jetzt haben die Staats- und Regierungschefs der linksgerichteten Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten (Alba) in Havanna bei einem Ebola-Krisengipfel eine Ausweitung der Bemühungen beschlossen. Die Hauptlast trägt abermals Kuba. Am Dienstag flogen weitere 91 kubanische Ärzte und Pfleger ins Krisengebiet nach Westafrika. Neben dem ersten Kontingent in Sierra Leone sollen insgesamt fast 300 weitere kubanische Mediziner nach Liberia und Guinea geschickt werden. Ihr Einsatz ist zunächst auf sechs Monate begrenzt.

          Gewöhnlich lässt es sich Staats- und Parteichef Raúl Castro nicht nehmen, die Frauen und Männer in den weißen Kitteln am Flughafen von Havanna selbst zu verabschieden. Er dankt dann „den Helden“ vorab im Namen des kubanischen Volkes und mahnt sie zugleich zur Vorsicht. Sollten sich die kubanischen Helfer bei ihrem Einsatz in der Fremde dennoch mit dem gefährlichen Erreger infizieren, müssen sie fern der Heimat gesund werden - oder sterben.

          Vor dem Abflug haben die Mediziner eine Erklärung unterschrieben, wonach sie im Falle einer Erkrankung darauf verzichten, repatriiert zu werden: Das Virus soll unter keinen Umständen nach Kuba eingeschleppt werden. Schon jetzt müssen alle Personen, die aus den afrikanischen Ebola-Gebieten nach Kuba reisen, mindestens 21 Tage in der Tropenklinik von Havanna in Quarantäne bleiben. Davon waren bisher insgesamt 28 Menschen aus Sierra Leone, Guinea, Kongo und Nigeria sowie einige Kubaner betroffen; derzeit befinden sich noch zwölf Personen auf der Isolierstation. Eine Infektion wurde bisher nicht festgestellt.

          Die kubanischen Mediziner werden am Pedro-Kourí-Institut für Tropenmedizin in Havanna auf ihren gefährlichen Einsatz vorbereitet. Dort lernen sie unter Anleitung von Spezialisten der WHO unter anderem, wie man die sieben Schichten der Schutzkleidung anlegt - und nach der Behandlung der Kranken wieder auszieht. Nach offiziellen Angaben sind die meisten Kubaner, die zum Ebola-Einsatz nach Westafrika geschickt werden, Veteranen der medizinischen Diplomatie Havannas. Sie waren etwa in Haiti, Venezuela oder Brasilien tätig.

          Der Auslandseinsatz kubanischer Mediziner ist so alt wie die Revolution vom Neujahrstag 1959 in Havanna. Zunächst ging es bei der Entsendung von Ärzten und Pflegern in afrikanische und lateinamerikanische Staaten vor allem um symbolisches Kapital: Kuba strebte das Image des Chefarztes der internationalen Solidarität an. Kubanische Augenärzte verhalfen zum Beispiel im Rahmen der „Operation Wunder“ mehr als anderthalb Millionen Menschen in Lateinamerika dazu, das Augenlicht wiederzuerlangen oder besser zu sehen - ohne Kosten für die Patienten.

          In Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, halfen kubanische Ärzte nach Naturkatastrophen wie Hurrikanen oder dem Erdbeben vom Januar 2010. Insgesamt waren seit der Revolution gut 135.000 kubanische Mediziner im Auslandseinsatz, derzeit sollen 50.000 in 66 Ländern in Lateinamerika, Asien und Afrika tätig sein.

          Der Export von Medizinern bringt dem kommunistischen Regime neben symbolischem auch finanzielles Kapital. Allein in diesem Jahr rechnet Havanna mit Einnahmen in Höhe von umgerechnet gut 6,4 Milliarden Euro; das ist rund das Vierfache der erwarteten Einnahmen aus dem Tourismus. Der Hauptanteil der Erlöse kommt aus Venezuela und Brasilien, wo etwa 30.000 beziehungsweise rund 11.000 kubanische Ärzte tätig sind. Die kubanischen Auslandsärzte erhalten ihr Gehalt nicht direkt vom Gastland in Devisen, sondern vom Regime in Kuba. Das behält einen großen Teil des Geldes für sich, bezahlt den Ärzten im Auslandseinsatz aber immer noch einen weit besseren Lohn, als diese daheim in Kuba beziehen. Die Vereinigten Staaten ermutigen kubanische Ärzte im Auslandseinsatz in Venezuela und anderen Ländern zu desertieren, indem sie ihnen eine erleichterte Anerkennung ihrer Diplome in Amerika und gute Arbeitsplätze anbieten.

          Von der historischen Animosität zwischen Washington und Havanna ist im Kampf gegen das Ebola-Virus jedoch nichts zu spüren. Fidel und Raúl Castro boten Washington ausdrücklich die Zusammenarbeit bei der Eindämmung der Epidemie in Westafrika an. Präsident Raúl Castro versicherte beim Alba-Gipfel in Havanna, man werde „Schulter an Schulter mit allen Ländern zusammenarbeiten, die Vereinigten Staaten eingeschlossen“. Und Revolutionsführer Fidel Castro schrieb in seiner Kolumne in der Parteizeitung „Granma“, die kubanischen Mediziner würden „bei dieser Aufgabe mit Freude mit amerikanischem Personal zusammenarbeiten“.

          Im Gegenzug pries der amerikanische Außenminister John Kerry ausdrücklich den Einsatz Kubas gegen die Ebola-Epidemie. „Ein Land mit nur elf Millionen Einwohnern hat 165 Gesundheitsexperten geschickt und plant die Entsendung von fast 300 weiteren“, sagte Kerry anerkennend vor Diplomaten im State Department. Washington selbst hat bisher nur 65 Ärzte und Pfleger in die liberianische Hauptstadt Monrovia geschickt. Dafür sollen 4000 amerikanische Soldaten mindestens 17 Behandlungszentren mit jeweils 100 Betten in Liberia errichten, dem am heftigsten von der Ebola-Epidemie betroffenen Land. In den amerikanischen Ebola-Lazaretten könnte auch kubanisches Pflegepersonal zum Einsatz kommen.

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