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Kuba : In einem Land neben der Zeit

Unter der Flagge des großen Nachbarn: Kubaner fahren in einem amerikanischen Oldtimer durch Havanna. Bild: AFP

Die Annäherung zwischen Havanna und Washington lässt die Kubaner hoffen. Sie wünschen sich bessere Lebensbedingungen durch die Lockerung des Embargos. Aber noch misstrauen sie dem Regime.

          5 Min.

          Es ist Samstagmorgen, als Walter, benannt nach einem Kampfgefährten Fidel Castros, sein Moderatorengrinsen anknipst. Walter steht in der Mitte des Malecón, der kilometerlangen Uferpromenade von Havanna, und erzählt in die Kamera des kubanischen Staatsfernsehens, wie hier bald das 57. Jahr der Revolution beginnen soll: mit einem großen Salsakonzert. Hinter Walter, auf einem Sockel aus Korallenstein, steht José Martí. Die Statue des Dichters und Freiheitskämpfers hat die linke Hand erhoben. Die Finger drohend wie zu einer Pistole geformt zeigt er auf das andere Ende des Platzes, wo eine flache Bühne liegt, und dahinter ein siebenstöckiger Klotz aus Glas und Beton: die „Ständige Vertretung der Vereinigten Staaten von Amerika“.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Eine amerikanische Botschaft gibt es in Kuba seit 1961 nicht mehr, als Fidel Castro und seine Gefährten den von den Amerikanern gestützten Diktator Fulgencio Batista aus Havanna vertrieben. Ende der siebziger Jahre durfte die Regierung von Jimmy Carter dann diese Vertretung einrichten – eine Trutzburg im Feindesland. Auf einem LED-Spruchband im fünften Stock ließen die Amerikaner noch 2006 Anti-Castro-Sprüche verbreiten. Als Gegenmaßnahme stellten die Castros direkt vor der Vertretung 138 Masten mit kubanischen Fahnen auf, dazu eine Plakatwand mit Hakenkreuzen und Bildern des Foltergefängnisses Abu Ghraib. Immer wieder ließen sie Zehntausende zu antiamerikanischen Demonstrationen aufmarschieren.

          An der Uferpromenade Havannas: Die Statue des Dichters José Martí weist in Richtung der „Ständigen Vertretung der Vereinigten Staaten von Amerika“.

          An diesem Samstagmorgen sind außer Walter und seinem Kamerateam nur ein paar Jungs auf der Plaza Tribuna Anti-Imperialista, die einem abgewetzten Fußball hinterherrennen. Die Flaggen sind abgehängt. Der Mastenwald gewährt fast freien Blick auf die Vertretung der Amerikaner. „Seit ein paar Monaten schon hängen dort keine Flaggen mehr“, sagt eine Nachbarin, die nebenan von ihrer Wohnung im ersten Stock aus Telefonkarten verkauft. Auch Aufmärsche habe es lange nicht mehr gegeben. Trotzdem war die Ankündigung, die Raúl Castro am vergangenen Mittwoch verlas, für alle eine Überraschung. Auch für Walter vom staatlichen Fernsehen.

          Schon am Vormittag wurde auf allen Sendern, im Fernsehen und im Radio, das Programm unterbrochen, um bekanntzugeben, dass der Präsident um zwölf Uhr eine Mitteilung zur Beziehung Kubas mit den Vereinigten Staaten zu machen habe. „Volverán! Sie sind zurück!“, sagte Raúl Castro in die Kamera. „Gerardo, Ramón und Antonio sind heute in unser Vaterland zurückgekehrt.“ Und jeder in Kuba wusste, wer gemeint war: Mit zwei weiteren kubanischen Agenten waren die drei Ende der neunziger Jahre in den Vereinigten Staaten zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden, weil sie in Miami die Gemeinde der Exil-Kubaner ausspioniert hatten.

          In ihrer Heimat wurde sie zu Märtyrern erklärt: „Die fünf Helden“ oder einfach nur „Die Fünf“. Aufkleber und Plakate, die ihre Freilassung forderten, hingen bald überall in Kuba. „Schon in der Grundschule bin ich mit meiner Klasse auf Demonstrationen für die Fünf gegangen“, sagt eine junge Frau, die in Havanna Russisch und Englisch studiert hat, und jetzt als Reiseleiterin arbeitet. „Ich habe eine CD mit Liedern, die Antonio in Gefangenschaft geschrieben hat, ich habe die Auftritte ihrer Verwandten immer wieder im Fernsehen gesehen. Das war jetzt echte Emotion. Glück.“

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