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Kuba : Die Schweizer Flagge wird eingeholt

Bald Botschaft: die „U.S. Interest Section“ am Malecón in Havanna Bild: AFP

Jahrzehntelang lieferten sich Kuba und die Vereinigten Staaten Propagandaschlachten rund um die Interessenvertretung Washingtons in Havanna. Damit soll nun Schluss sein.

          4 Min.

          Noch viele Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Untergang der Sowjetunion dauerte am Malecón von Havanna der Kalte Krieg fort. Bis 2008 tobte die unblutige Schlacht auf der berühmten Uferpromenade der kubanischen Hauptstadt. Die Ideologiefront verlief auf der Höhe von Calle L und Calle M. Dort steht ein sieben Stockwerke hoher Betonkasten, erbaut 1953. Seinerzeit wurde der riesige Neubau der amerikanischen Botschaft im Stadtteil Vedado als modern und zukunftsweisend gepriesen. Die heute dort tätigen Diplomaten stöhnen über ihre Arbeitsbedingungen. Durch das Dach dringt oft der tropische Regen. Sonne und Seeluft haben nicht nur der Fassade und den Fenstern zugesetzt. In einem internen Bericht des State Department vom Mai 2014 wird das Gebäude mit einem „Schiff auf hoher See“ verglichen, auf welchem die Besatzung einzig mit dem, was sie irgendwo an Bord findet, die notwendigen Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten vornehmen kann.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Vor 62 Jahren, als das mächtige Gebäude übergeben wurde, waren die Vereinigten Staaten und Kuba noch enge Verbündete. In Washington regierte der Republikaner Dwight D. Eisenhower und in Havanna der Diktator Fulgencio Batista. Und im Hotel Nacional, etwa einen Kilometer entfernt von Washingtons neuer Botschaft stadteinwärts am Malecón gelegen, regierte der amerikanische Mafiachef Meyer Lansky über Glücksspiel, Pferdewetten und Prostitution. Die meisten seiner Kunden waren amerikanische Touristen. Von den Einnahmen zweigte Lansky einen hübschen Teil an Batista ab, der ihn im Gegenzug gewähren ließ.

          Doch dann kam im Januar 1959 die von den Brüdern Fidel und Raúl Castro und dem Argentinier Ernesto „Che“ Guevara geführte Revolution. Wegen der Enteignungen amerikanischen Eigentums auf Kuba verhängte Washington im Oktober 1960 ein Embargo gegen Havanna und brach 1961 die diplomatischen Beziehungen ab. Das neue Botschaftsgebäude am Malecón stand nun faktisch leer, fast zwei Jahrzehnte lang. Erst Ende der siebziger Jahre, als Ausfluss der Entspannungspolitik, vereinbarten Washington und Havanna die Einrichtung sogenannter Interessenvertretungen in den jeweiligen Hauptstädten, formal unter der Flagge der neutralen Schweiz. In Wirklichkeit verrichteten die ständigen Vertretungen in Havanna und Washington eigenständig konsularische und sonstige Dienste, die Schweizer Flagge war reine Formsache.

          Auf dem Platz vor der amerikanischen Interessenvertretung steht der kubanische Nationalheld José Martí.

          Im vergangenen Jahr stellten Beamte der amerikanischen Interessenvertretung in Havanna mehr als 40.000 Besuchsvisa für Kubaner aus; ein Vielfaches an Visaanträgen von Kubanern wurde aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt. Rund vier Dutzend Amerikaner sind in der Vertretung tätig, weitere 300 kubanische Ortskräfte kommen hinzu. Die amerikanische Vertretung ist bis heute die größte diplomatische Mission in Havanna, auch wenn die Chinesen in den vergangenen Jahren und zuletzt auch wieder die Russen ihr Botschaftspersonal kräftig aufgestockt haben.

          2002 ernannte der damalige republikanische Präsident George W. Bush den Diplomaten James Cason zum Chef der amerikanischen Interessenvertretung in Havanna. Cason und seine Leute installierten im fünften Stock des Gebäudes einen Nachrichtenticker, der in weithin sichtbaren mannshohen Leuchtbuchstaben den Kubanern – unter Umgehung der Zensur des kommunistischen Regimes – die Weltneuigkeiten vermittelte. Und sie mit einschlägigen Zitaten von klassischen und gegenwärtigen Verfechtern der universalen Gültigkeit der demokratischen Menschenrechte versorgte.

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