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Deutsche in Venezuela : Unmut im Paradies

  • -Aktualisiert am

„Aber 2015 ist ganz schlimm“

Heute ist Colonia Tovar ein beliebtes Ausflugsziel für die Leute aus Caracas, die hier oben die kühle Luft und das kalte Bier, die gute Wurst und das saure Kraut schätzen. Und vielleicht einen Ausflug bei „Regenwald Tours“ buchen, denn die betreibt Ulrich Thal. „Bis vor drei, vier Jahren habe ich auch noch landwirtschaftliche Geräte und Maschinen importiert, aber das lohnt sich nicht mehr“, sagt er. Das Durcheinander der vier offiziellen Wechselkurse der Landeswährung Bolívar zum Dollar, die Bürokratie und die Korruption, die Rezession und die Inflation machten ein kalkulierbares Wirtschaften unmöglich, klagt er. Die Sommerfrischler hat er früher mit elf österreichischen Pinzgauer-Geländefahrzeugen durch den Regenwald oder bis hinunter nach Puerto Cruz an die Karibik-Küste kutschiert. „Heute laufen nur noch vier meiner Pinzgauer, die anderen muss ich als Ersatzteillager ausschlachten, denn ich bekomme nirgendwo Reifen, Batterien oder sonstige Ersatzteile.“

Früher sei noch mancher ausländische Tourist nach Colonia Tovar zu Trekking- oder Mountainbike-Touren gekommen, heute habe er nur noch einheimische Kundschaft, sagt Thal. Seit dem Machtantritt der Sozialisten unter Chávez sei es nie leicht gewesen für Unternehmer, Behördenwillkür und die Sorge vor Enteignungen seien ständige Begleiter gewesen. „Aber 2015 ist ganz schlimm“, sagt Thal.

Der aus Sachsen stammende deutsche Metzger Günter Hubrig in seiner Wurstfabrik

Auch Metzgermeister Günter Hubrig denkt in letzter Zeit öfter ans Aufhören. Nicht weil er mit seinen 73 Jahren genug hätte von Wurst und Fleisch. Wenn er an der neuen Wurstmaschine aus Deutschland steht, die weiße Bratwürste im Sekundentakt ausstößt, sieht man dem lebensfrohen Meister die Leidenschaft für sein Handwerk an. Backen kann Metzger Hubrig auch, am vergangenen Wochenende etwa gut 80 Dresdner Christstollen. „Die Arbeit macht mir noch immer Spaß“, sagt er und wischt sich die Hände an der Schürze ab: „Aber es wird immer schwieriger, die nötigen Zutaten zu bekommen, Pfeffer zum Beispiel oder Gewürze.“ 1980 ist der Sachse aus der Lausitz auf einer Lateinamerikareise in Venezuela hängengeblieben und in Colonia Tovar gelandet.

Innerlich schon auf dem Absprung

Vor 20 Jahren hat er sich selbständig gemacht, seine Wurstfabrik hat er seither ständig vergrößert. Heute produziert er mit einem halben Dutzend Angestellten drei Tonnen Wurst die Woche. Abnehmer sind überwiegend Hotels und Restaurants von Colonia Tovar bis zur Küste. Privatkunden kommen nur noch selten: „Die Leute haben kein Geld mehr“, sagt Hubrig. Kürzlich hat sich ein Kaufinteressent für seine Wurstfabrik „Embutidos Gunter“ gemeldet: „Mit dem treffe ich mich nächste Woche, der muss nur einen anständigen Preis bieten.“

Abner Then ist erst 23 Jahre alt, aber innerlich auch schon auf dem Absprung. Der Geschichtsstudent ist kein Zugereister wie Thal oder Hubrig, sondern in fünfter Generation Nachfahre einer alemannischen Kolonistenfamilie. Er spricht Spanisch, Alemannisch und Deutsch. Sein Studium in Caracas musste er abbrechen, es war kein Geld mehr dafür da. Jetzt unterstützt er seine Eltern und verkauft auf dem Kirchplatz Obst und Gemüse aus eigenem Anbau, selbstgebackenes Brot und Weihnachtsgebäck. Wohin würde er gehen, wenn er könnte? „Deutschland“, sagt Abner Then.

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