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Krawalle in Baltimore : In der Hand der Rauschgiftbanden

  • -Aktualisiert am

In Baltimore wurden in der Nacht Geschäfte angezündet. Bild: dpa

Nach dem Tod eines Schwarzen in Polizeigewahrsam versinkt Baltimore im Chaos. Die Gewalttäter der Nacht aber haben wenig mit den Demonstranten des Tages gemein. Soldaten der Nationalgarde sollen für Ordnung sorgen.

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          Es war eine von etlichen schwierigen Entscheidungen, die Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake treffen musste. Geht von Baltimores Schulkindern eine größere Gefahr für die Stadt aus, wenn sie zu Hause herumhängen und nicht beschäftigt sind? Oder ist es vordringlich, große Ansammlungen von Schülern zu unterbinden? Die Bürgermeisterin beschloss, dass alle Schulen am Dienstag geschlossen blieben. Zudem verhängte sie eine Ausgangssperre: Zunächst gilt für eine Woche, dass die 620.000 Bürger der Hafenstadt von 22 Uhr an zu Hause bleiben müssen. Rawlings-Blake forderte bei Präsident Barack Obama und Marylands Gouverneur Larry Hogan die Verlegung der Nationalgarde an.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Schwerbewaffnete in Flecktarn patrouillierten am Dienstag in der Stadt. Das Chaos war am Montag bei Schulschluss ausgebrochen. Im Nordwesten der Stadt warfen Kinder und Jugendliche Steine und Flaschen auf Polizisten. Ganz Amerika konnte am Fernseher zusehen, wie Kids in T-Shirts auf ihren Fahrrädern provozierend um gepanzerte Polizeifahrzeuge herumkurvten. Die Sicherheitskräfte hatten erkennbar Mühe, ihre Taktik festzulegen. Bald war von 15 verletzten Polizisten die Rede, die vor allem Knochenbrüche und Gehirnerschütterungen erlitten hatten. Noch am späten Abend meldete die Polizei lediglich ein paar Dutzend Festnahmen. Erst am Dienstag spiegelte die offizielle Bilanz die dramatische Entwicklung: Fast 200 Personen wurden in einer Nacht festgenommen, in der die Feuerwehr mehr als 150 Brandherde zu löschen hatte.

          Vor allem Autos waren angezündet worden. Doch die Bürgermeisterin hatte am Dienstagmorgen auch zu einem ausgebrannten Drogeriemarkt der Kette CVS zu fahren. Hier hatten Fernsehteams in der Nacht gefilmt, wie Randalierer mit Messern auf einen Feuerwehrschlauch einstachen, ohne dass die Polizei eingegriffen hätte. „Es wäre idiotisch zu glauben“, schimpfte die 45 Jahre alte Rawlings-Blake, „man könnte das Leben für irgendjemanden besser machen, in dem man unsere Stadt zerstört.“

          Doch es herrscht weitgehend Konsens, dass die Plünderer, Brandstifter, Randalierer und Gewalttäter der Nacht wenig mit den Demonstranten verbindet, die nach dem immer noch ungeklärten Tod des Afroamerikaners Freddie Gray in Polizeigewahrsam gegen Polizeigewalt und für Gerechtigkeit protestieren. Anders als in Ferguson im Staat Missouri ist in Baltimore kein Protestmarsch in Gewalt ausgeartet. Vielmehr hatte die Polizei bereits Stunden vor Beginn der Krawalle mitgeteilt, sie habe Erkenntnisse über ein breites Bündnis von an sich verfeindeten Drogenbanden in Baltimore, die gemeinsam „Polizisten ausschalten“ wollten. Selbst die örtlichen Filialen der panamerikanischen Gangs „Crips“ und „Bloods“ sollen sich zu diesem Zweck versöhnt haben.

          Allerdings besteht auch kein Zweifel daran, dass die Zahl der willigen Mitläufer in der Stadt immens ist, gerade unter jungen Leuten. Manche sind ohnehin Handlanger von Rauschgiftdealern. In den armen Gegenden ist das Misstrauen zwischen Polizei und Bevölkerung groß. Im vorigen Herbst hatte die Bürgermeisterin das Washingtoner Justizministerium aufgefordert, Vorwürfen gegen Baltimores Polizei nachzugehen, die ihr untersteht. Dabei weiß sie, dass nur eine Besserung der desolaten wirtschaftlichen Lage geeignet wäre, die Dinge dauerhaft zum Guten zu wenden. Zuletzt ging es tatsächlich aufwärts.

          Weinende Menschen starren in Flammen

          Deshalb ist der ausgebrannte Drogeriemarkt ein besonders bitteres Symbol. In vielen Städten gibt es an jeder dritten Ecke ein CVS-Geschäft. In Baltimore jedoch haben sich die großen Ladenketten und selbst kleine Geschäfte aus weiten Gebieten zurückgezogen, weil dort zu viel Kriminalität herrscht und zu wenig Geld zu verdienen ist. Den Kampf gegen die sich ausbreitenden „Essenswüsten“, wo weit und breit kein Supermarkt und kein Imbiss zu finden sind, hatte Rawlings-Blake zu einer Priorität ihrer Amtszeit erklärt.

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