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Demonstrationen in Baltimore : Krawall

Schwer bewaffnet gegen Krawalle: Soldaten der Nationalgarde in Baltimore Bild: AFP

Aus Polizeigewalt und Krawallen darf nicht geschlossen werden, dass die amerikanische Gesellschaft so rassistisch ist wie vor fünfzig Jahren. Das ist sie nicht. Aber es haben sich neue segregierte Lebens- und Erfahrungswirklichkeiten herausgebildet.

          Ja, das ist wahrlich beunruhigend: Fast im Wochenrhythmus wird von exzessiver Polizeigewalt gegen schwarze, meist junge Männer berichtet. Der jüngste Fall – ein Mann erlag seinen Verletzungen, die er in Polizeigewahrsam erlitten hatte – waren Anlass für die schlimmsten Krawalle in der Stadt Baltimore seit vielen Jahren. Vermutlich haben jene nicht unrecht, die behaupten, die Polizeigewalt in vielen Orten der Vereinigten Staaten sei systemisch: Polizisten gingen mit großer Brutalität gegen Verdächtige vor, insbesondere dann, wenn diese schwarzer Hautfarbe sind, und machten oft zu schnell von der Schusswaffe Gebrauch, wofür sie kaum oder überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

          Die Krawalle von Baltimore wiederum, die zum Einsatz der Nationalgarde und zur Verhängung von Ausgangssperren führten, lenken den Blick auf eine schwarze Unterklasse und auf ein soziales Milieu, das von Armut, Rauschgiftkriminalität, unzureichender Beschäftigung und weitgehender Perspektivlosigkeit geprägt ist – und eben von viel Gewalt. Das ist das Milieu, in dem Kinder und Jugendliche Zugang zu Waffen und Banden das Sagen haben, was wiederum die Polizei, deren Angehörige mit allem rechnen müssen, besonders aggressiv auftreten lässt. Ein Teufelskreis!

          Angesichts schwerbewaffneter Nationalgardisten haben viele ein mulmiges Gefühl. Schon werden Mutmaßungen angestellt, dass dem Land ein „heißer Sommer“ bevorstehen könne. Aus der Erwartung, dass an vielen Orten Rassenkrawalle ausbrechen könnten, sprechen auch Alarmismus und Sensationsgier. Aber auszuschließen ist es nicht. Dafür hat sich offenkundig zu viel angestaut; die Spannungen, die sich in Baltimore entladen haben, finden auch anderswo reichlich Zündstoff.

          Daraus darf allerdings nicht geschlossen werden, dass die Gesellschaft der Vereinigten Staaten so rassistisch sei wie vor fünfzig Jahren. Das ist sie nicht. Aber es haben sich neue segregierte Lebens- und Erfahrungswirklichkeiten herausgebildet. Die Welt jener „Kriminellen und Schläger“ (Präsident Obama), die in Baltimore plünderten, Läden und Autos in Brand setzten und Polizisten angriffen, ist den meisten Weißen völlig fremd. Und vielen Schwarzen auch.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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