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Kommentar : Wandel in Lateinamerika

  • -Aktualisiert am

Abschied: der letzte Auftritt von Cristina Fernández de Kirchner als argentinische Präsidentin an diesem Mittwoch Bild: AP

Die „rosarote Welle“ in Lateinamerika ist verebbt. Das Strandgut, das sie hinterlässt, ist eine schwere Hypothek.

          Lateinamerika steht an der Schwelle eines Wendejahres, womöglich an der Schwelle einer neuen Epoche. In Argentinien regiert von diesem Donnerstag an der konservative Präsident Mauricio Macri. In Venezuela tritt Anfang Januar das neue Parlament zusammen, in dem die liberal-konservativen Parteien über eine Zweidrittelmehrheit verfügen. In Brasilien könnte Präsidentin Dilma Rousseff, mit deren Amtsführung kaum noch zehn Prozent der Bevölkerung zufrieden sind, vorzeitig ihres Amtes enthoben werden.

          Kein Zweifel, die Ära der Vorherrschaft linker Regierungen in Schlüsselstaaten der Region ist Geschichte. Aber das Strandgut, das die „rosarote Welle“ hinterlässt, ist noch auf Jahrzehnte eine schwere Hypothek. Venezuela, das Land mit den größten Ölreserven der Welt, dessen Hauptstadt Caracas in den siebziger Jahren von dem Überschallpassagierflugzeug Concorde angeflogen wurde, steht 17 Jahre nach der „bolivarischen Revolution“ des Hugo Chávez vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

          Argentinien muss sich nach zwölf Jahren linksperonistischem „Kirchnerismus“ den Zugang zu den internationalen Finanzmärkten erkämpfen, um an dringend benötigte Kredite und Investitionen zu kommen. In Brasilien versprach Gewerkschaftsführer Luiz Inácio Lula da Silva nach seinem Machtantritt von 2003, er werde das Land in die Erste Welt führen; heute steckt Brasilien in der schwersten Rezession seit drei Jahrzehnten und bis zur Halskrause im Ölschlamm des monumentalen Korruptionsskandals um den halbstaatlichen Energieriesen Petrobras.

          Antritt: der neue argentinische Präsident, Mauricio Macri, bei seiner Vereidigung an diesem Donnerstag

          Selbst der angeblich historische Erfolg der lateinamerikanischen Linken bei der Bekämpfung der Armut und der Überwindung der Ungerechtigkeit entpuppt sich in der Rückschau als Produkt eines Zufalls der Geschichte. Die Sozialleistungen und Transferzahlungen an Millionen Arme, mit welchen Hugo Chávez in Venezuela, Néstor und Cristina Kirchner in Argentinien, Lula und Dilma in Brasilien, auch Evo Morales in Bolivien und Rafael Correa in Ecuador ihre Macht legitimierten und garantierten, stammten vornehmlich aus den Exportgewinnen von Bodenschätzen und landwirtschaftlichen Produkten.

          Nach dem Ende der beispiellosen Hausse auf dem internationalen Rohstoff- und Agrarmarkt gingen die Ausfuhrerlöse drastisch zurück. Prompt rutschten alle Länder auf der selbsternannten „Achse des Guten“ mit Ausnahme Boliviens in die Krise. Nun zeigt sich, dass der Sieg über die Armut nur bis zum nächsten Abschwung hält, weil Handgeld an die Armen verteilt wurde, anstatt die Überschüsse für massive Investitionen in Gesundheit, Bildung und Infrastruktur zu verwenden. Wie immer sind es nicht die alten und neuen Eliten, sondern die „ewigen Armen“, die am schwersten unter Inflation und Rezession, unter Korruption und Kriminalität leiden.

          Leider haben sich die linken Herrscher auch als gelehrige Schüler ihrer rechten Vorgänger gezeigt, indem sie an vielen typisch lateinamerikanischen Traditionen festhielten. Zwar kam es unter ihnen nicht zum Massenmord an politischen Gegnern wie zu Zeiten der Militärdiktaturen. Aber auch die populistischen linken Caudillos reagierten allergisch auf Kritik und versuchten ihre autokratische Macht durch Repression zu zementieren.

          Obwohl sie sich zu Vorkämpfern einer Solidaritätsgemeinschaft des globalen Südens (zumal im Kampf gegen das amerikanische „Imperium“) stilisierten, hielten sie an der protektionistischen Abschottung ihrer Volkswirtschaften fest. Die regionale Integration ist während der anderthalb Jahrzehnte linker Vorherrschaft in Lateinamerika kaum vorangekommen. Dafür steht beispielhaft das Verhältnis der Nachbarländer Brasilien und Argentinien: Deren Regierungen lieferten sich über Jahre einen schleichenden Handelskrieg, obwohl beide Staaten dem angeblichen Freihandelsbündnis Mercosur angehören.

          Dass es auch anders geht, zeigen die Länder auf der pazifischen Seite des lateinamerikanischen Halbkontinents. Dort geben Mexiko, Kolumbien, Peru und Chile mit ihrer erst 2011 gegründeten Pazifik-Allianz das Tempo vor bei der Modernisierung und Diversifizierung ihrer Volkswirtschaften sowie beim Freihandel untereinander und mit Asien. Mexiko wird in diesem Jahr mehr heimkehrende Emigranten aus den Vereinigten Staaten als Auswanderer dorthin verzeichnen. Kolumbien steht am Vorabend eines historischen Friedens mit den marxistischen Rebellen der sogenannten „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc).

          Wie die Farc in Kolumbien hatten sich auch die maoistischen Rebellen des „Leuchtenden Pfads“ in Peru den Kampf für die Rechte der verarmten Bauernschaft, für eine Umverteilung des Agrarlands und für mehr Gerechtigkeit auf die roten Fahnen geschrieben. Wie die Farc in Kolumbien verkam auch der „Leuchtende Pfad“ zu einer Rauschgift- und Terrorbande, unter deren Gewalttaten gerade jene verarmte Bevölkerung in ländlichen Gebieten litt, für deren Interessen zu kämpfen die Guerrilleros vorgaben. Ein Frieden in Kolumbien wird dem Land und der Pazifik-Allianz einen weiteren Ansporn geben. Es ist höchste Zeit, dass die atlantischen Schlüsselstaaten Argentinien, Brasilien und Venezuela ihre Aufholjagd beginnen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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