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Kampf ums Gold

Von MATTHIAS RÜB, QUIBDÓ

23.09.2016 · Der illegale Abbau von Gold verseucht Kolumbiens Flüsse. Zu den Profiteuren gehören die Guerrilleros der Farc. Werden sie nach Unterzeichnung des Friedensvertrages das Geschäft aufgeben?

Auf den ersten Blick sieht man nicht, dass die Menschen im Pazifik-Dschungel von Chocó von einem Goldrausch heimgesucht wurden. Der Río Atrato fließt breit und ruhig dahin. Langboote mit Außenbordmotoren pendeln von Ufer zu Ufer. Die Fährpassagiere haben Schirme aufgespannt, denn entweder brennt die Sonne, oder es schüttet. Die Stadt Quibdó, eine quirlige Tropenmetropole von rund hunderttausend Einwohnern im Nordwesten Kolumbiens, liegt am östlichen Ufer des Atrato. Der Fluss ist die Grenze zwischen dem urbanen Leben mit knatternden Motorrädern auf schlammigen Straßen und der scheinbar unberührten Stille des Dschungels. Auf der Westseite gibt es keine Straßen, die Dörfer und Weiler erreicht man nur mit dem Boot auf dem Atrato und auf dessen Nebenflüssen.

© dpa Der Priester Ulrich Kollwitz kämpft gegen die verheerenden Folgen des Goldabbaus.

Von der rückwärtigen Balkonbalustrade des Bischofspalasts öffnet sich der Blick auf das braune Wasser des Flusses und das weite Grün am Westufer des Atrato. Padre Ulli, der eigentlich Ulrich Kollwitz heißt und vor mehr als 35 Jahren als Priester nach Kolumbien gekommen ist, sieht mehr als braunes Wasser und ein grünes Ufer. Er sieht die Folgen einer schleichenden Umweltkatastrophe und die Zeichen eines Zerfalls von Sozialstrukturen. „Vor ein paar Jahren führten der Atrato und dessen Zuflüsse noch sauberes und klares Wasser“, sagt Padre Ulli. „Jetzt sind die Fluten braun und trüb. Das Wasser ist voller Sedimente und dazu mit Quecksilber verseucht.“ Das ist die Folge des Goldabbaus.

Padre Ulli ist innerlich wie äußerlich von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie geprägt. Mit dem weißen Vollbart und der Brille mit dem dicken Rahmen erinnert er an Ernesto Cardenal. Nur trägt der deutsche Padre in Kolumbien eine blaue Schiebermütze und keine schwarze Baskenmütze wie der Revolutionstheologe und Poet aus Nicaragua. Ulrich Kollwitz gehört zu den Stützen und Antriebskräften der „Menschenrechtskommission für Leben, Gerechtigkeit und Frieden“ der Diözese Quibdó. Seit je haben die Bischöfe und Priester von Quibdó sich für die Indigenen und die Afro-Kolumbianer von Chocó eingesetzt. Das Departamento an der Pazifikküste ist eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Regionen Kolumbiens. Neunzig Prozent der Einwohner von Quibdó sind Schwarze. In keiner anderen Stadt Kolumbiens stellen die Nachfahren der aus Westafrika verschleppten Sklaven einen so hohen Bevölkerungsanteil.

Mit dem Schnellboot fährt Padre Ulli von Quibdó aus den Río Atrato und den Rio Andágueda hinauf zu dem Dorf Playa Bonita. Die Selbstverwaltungen von Playa Bonita und vieler anderer Dörfer im Chocó sehen sich seit etwa zehn Jahren einer neuen Herausforderung ausgesetzt: Unterhändler mit viel Bargeld kaufen den Bauern Land in Ufernähe ab, bieten zudem Jobs an, bei denen man mit etwas Glück in kurzer Zeit weit mehr verdienen kann als mit Ackerbau und Fischfang oder auch mit dem traditionellen Goldwaschen mit dem Sieb. Es sind Vertreter meist illegaler Goldschürfer, die mit schwerem Gerät den Fluss und den Urwald buchstäblich umgraben. Sie brauchen Arbeiter, denen sie ein für die örtlichen Verhältnisse ordentliches Gehalt bezahlen. Außerdem dürfen die Angestellten nach Schichtende mit Hacke und Sieb durch den frischen Abraum wühlen und selbst ihr Glück als Goldgräber versuchen. An einem guten Tag, so erzählt man, hat manch einer dabei schon Gold im Wert von mehr als hundert Dollar gefunden.

  • © dpa Für die illegale Suche nach Gold wird der Boden in Chocó mit schwerem Gerät aufgerissen.
  • © Imago Fischer und Kleinbauern werden von den Ufern der Flüsse vertrieben und fliehen in Orte wie Quibdó.
  • © AFP Flüsse wie der Rio Atrato sind wegen des Goldabbaus mit Quecksilber verseucht – und damit auch die Fische, die die Menschen essen.
  • © dpa Aus der Vogelperspektive sieht man die Wunden, die die Goldschürfer in den Dschungel schlagen.

Während der rund zweistündigen Fahrt von Quibdó nach Playa Bonita sieht man sie fast hinter jeder Biegung des Flusses: schwimmende Baggeranlagen, die im Volksmund „Dragones“ (Drachen) heißen. Die rostigen Ungetüme wühlen den Flussboden tonnenweise auf. Über Förderbänder läuft das Erdreich auf riesige Siebe, die das Gold aus dem Sediment herausfiltern. Gewaltige Abraumhalden türmen sich auf. Das Quecksilber, das zum Auswaschen des Goldes eingesetzt wird, gelangt mit dem Abraum in den Fluss. Für jedes Kilo Gold, das illegal geschürft wird, gelangen etwa 1,3 Kilogramm Quecksilber in die Umwelt. Die Fische im Atrato und im Andágueda sind so sehr mit Quecksilber verseucht, dass man sie eigentlich nicht mehr essen dürfte. Aber andere Fische als die aus den verseuchten Flüssen gibt es hier eben nicht.

Jahrzehntelang haben die Bauern und Fischer in den Dörfern des Chocó durchs Goldwaschen mit Schaufel und Sieb ein Zubrot verdient. Aber sie blieben Bauern und Fischer, die von ihren Feldern und Flüssen lebten. Bis die Bagger und die Dragones kamen. Die fraßen die Felder auf und schieden verschlammte Flüsse aus. Und brachten schnelles Geld nach Playa Bonita. Man sieht manche neu gemauerten Häuser, der Backstein ist unverputzt. In dem kleinen Supermarkt brummt das Geschäft. Es gibt Haushaltswaren und Knabbereien, Sprudelgetränke und Bier. Wenn die jungen Männer um die Mittagszeit von der Frühschicht beim Goldschürfen auf den Dragones und in den Baggerlöchern nach Hause kommen, setzen sie sich erst mal auf die zusammengezimmerten Bänke und auf die Plastikstühle vor ihren Häusern. Und trinken kaltes Bier und hören laute Musik.

© F.A.Z.-Karte lev. Goldabbau in Kolumbien

„Viele von denen glauben, wir gönnten ihnen ihr bisschen Goldgräberglück nicht und seien gegen den Fortschritt“, sagt Padre Ulli. Seit drei Jahrzehnten unterstützt die Diözese Quibdó die Indigenen und die Afro-Kolumbianer in den Dörfern des Chocó. Wenn die Leute aus dem Dschungel vor den Kämpfern der marxistischen „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) und vor den rechten Paramilitärs in die Stadt fliehen mussten, dann gab es dort kaum Hilfe vom Staat. „Wir werden auch noch da sein, wenn die Goldschürfer weitergezogen sind“, sagt der Padre.

Die Frage ist, ob Dörfer wie Playa Bonita dann noch da sein werden. Gut dreihundert Einwohner hat Playa Bonita heute. Rund vierhundert Leute aus dem Dorf sind weggezogen, nach Quibdó oder noch weiter fort. Viele Bauern haben ihre kleinen Bananen- und Maniokfelder aufgegeben. Wenn die Goldschürfer mit ihren Maschinen und Baggern zur nächsten Flussbiegung weiterziehen, dann ziehen viele Leute aus den Dörfern hinter den Goldschürfern her. Zum Beispiel in das Camp bei La Sierra, ein paar Minuten flussaufwärts von Playa Bonita gelegen. Das Camp besteht aus rund zwei Dutzend Hütten aus Brettern und Wellblech, die auf einer Rodung am Ufer des Andágueda errichtet wurden. Über der höchsten Abraumhalde flattern die kolumbianische Flagge und eine weiße Fahne im Wind. Die Fahne und die Flagge sollen den Helikopterpiloten des kolumbianischen Heeres bei ihren gelegentlichen Patrouillenflügen über den Dschungel anzeigen, dass hier Goldschürfer und nicht die Farc ein Camp betreiben. Ob das Bergwerk illegal betrieben wird oder mit einer ordentlichen Lizenz arbeitet, kann man vom Hubschrauber aus nicht erkennen. Deshalb werden die Camps mit weißen Flaggen nicht aus der Luft beschossen. Man erfährt aber auch bei den Vorarbeitern an Ort und Stelle nicht, ob hier mit oder ohne Lizenz geschürft wird, wer Camp und Bergwerk betreibt. Was im Dschungel von Chocó legal oder illegal ist, kann man ohnedies nur theoretisch erörtern. Der Staat ist hier nicht präsent. Es gilt das Gesetz des Geldes.

Die meisten Frauen, die für die Arbeiter des Goldcamps von La Sierra das Essen zubereiten, sind aus Bagadó, der Kreisstadt eine halbe Stunde flussabwärts. Auch ein paar Bäuerinnen aus den umliegenden Dörfern sind dabei. Maye Lloreda aus Bagadó ist 39 Jahre alt und seit fast zehn Jahren im Goldgeschäft. Reich sei sie dabei nicht geworden, erzählt sie. „Aber hier draußen verdiene ich mehr als in Bagadó. Und wenn ich Glück habe, finde ich zwischendurch ein bisschen Gold und verkaufe es dann in der Stadt“, sagt sie. So halten es alle, die im Chocó in den Bergwerken im Dschungel oder auf den Dragones arbeiten: Wann immer sie Pause haben, ziehen sie die Gummistiefel an, nehmen ihr Sieb und waschen die Sedimente des Atrato, des Andágueda und all der anderen Flüsse aus. Und oft finden sie auch Gold, meistens nur wenig, manchmal auch etwas mehr.

Das große Geld aber machen andere. An dem lukrativen Geschäft mit dem illegalen Goldabbau sind linke Guerrillas wie die Farc und die kleinere ELN ebenso beteiligt wie rechte Milizen und natürlich auch die Drogenkartelle. Die Behörden und die Streitkräfte sind nicht in der Lage, großflächig gegen die illegalen Goldschürfer vorzugehen. Oder ihr Stillhalten wird erkauft. Nach einer im März veröffentlichten Studie der „Globalen Initiative gegen transnationale organisierte Kriminalität“ werden 80 Prozent des Goldes in Kolumbien illegal geschürft. Die Farc, die älteste und bis heute mächtigste Guerrilla Lateinamerikas, erzielten zuletzt ein Fünftel ihrer Einkünfte mit dem Goldgeschäft.

  • © AFP Auf einer großen Konferenz diskutieren die Guerrilleros der Farc derzeit über den Friedensvertrag mit der kolumbianischen Regierung.
  • © dpa Rund 500 Delegierte der Farc sind im Süden Kolumbiens zusammengekommen. Zum ersten Mal seit den sechziger Jahren geht es nicht um den Krieg gegen die Regierung, sondern um Frieden.
  • © dpa Seit 1964 befinden sich die Farc, die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“, im Kampf gegen den Staat. Mehr als 200.000 Menschen kamen seither ums Leben.
  • © AFP Den Konferenzort mitten im Dschungel haben die Farc bewusst gewählt. Die Besucher sollen einen Eindruck vom Leben der Guerrilleros bekommen. Außerdem: Farc-Opfer und Gegendemonstranten werden so von der Anreise abgeschreckt.
  • © AFP Auch Konzerte gehören zur Inszenierung der Farc-Konferenz.

Am 26. September soll in Cartagena an der Karibik-Küste der nach vier Jahren zäher Verhandlungen Ende August in Havanna vereinbarte Friedensvertrag zwischen der Regierung in Bogotá und den Farc unterzeichnet werden. Der längste Bürgerkrieg Lateinamerikas hatte sich 1964 vor allem an der ungerechten Verteilung des Landes und an den krassen sozialen Gegensätzen entzündet. Nach offiziellen Angaben wurden in dem Krieg mehr als 220 000 Menschen getötet, rund sieben Millionen Kolumbianer wurden vertrieben. Am 2. Oktober sollen die Kolumbianer dann in einem Referendum über den Vertrag befinden. In letzten Umfragen sprechen sich rund zwei Drittel für eine Annahme des Vertrags aus. Nach dem Referendum müssen die rund 7000 Kämpfer der Farc binnen 180 Tagen ihre Waffen niederlegen. Gemeinsam mit der Regierung sollen die Farc gegen den Kokainschmuggel vorgehen.

© AFP Farc-Chef Timoleón Jiménez alias Timochenko

Aber werden die Farc auch das illegale Geschäft mit dem Gold aufgeben? Für die Farc und die ELN sowie für rechte Milizen und Kartelle hat das Goldgeschäft gegenüber dem Drogenhandel große Vorteile. Illegales Goldschürfen wird bisher bei weitem nicht so energisch verfolgt wie der Drogenanbau. Allein die Vereinigten Staaten haben seit dem Jahr 2000 über den „Plan Colombia“ gut acht Milliarden Dollar zum Kampf gegen Kokain und Marihuana nach Kolumbien gepumpt. Das meiste Geld ging an die kolumbianischen Streitkräfte, die mit Razzien gegen Drogenlabors im Dschungel und mit dem großflächigen Einsatz des Herbizids Glyphosat auf Koka-Plantagen über viele Jahre einen Vernichtungsfeldzug gegen die Drogen führten. Für den Kampf gegen das illegale Goldschürfen gibt es bisher weder Milliarden noch vernünftige Konzepte.

Zwar mögen die Erfolge im „Krieg gegen die Drogen“ überschaubar sein. Den Koka-Schmugglern haben die Großeinsätze und Kommandoaktionen der Streitkräfte das Leben dennoch schwergemacht. Auch deshalb nimmt Gold im kriminellen Portfolio von Guerrillas, Milizen und Kartellen einen immer wichtigeren Platz ein. Mit dem Edelmetall lassen sich bei geringerem Risiko höhere Gewinne erzielen. Illegal geschürftes Gold kann auf dem Weltmarkt legal gehandelt werden. Harte Drogen wie Kokain sind dagegen überall verboten. Mit dem Verkauf von Gold lässt sich zudem Geld aus anderen illegalen Geschäftsbereichen waschen. Die Gewinne aus dem illegalen Goldgeschäft in Kolumbien werden auf jährlich rund zwei Milliarden Dollar geschätzt. Im südlichen Nachbarland Peru summieren sich die Ausfuhren von illegal geschürftem Gold auf bis zu 2,6 Milliarden Dollar im Jahr. Obwohl Kolumbien und Peru weiterhin die größten Koka-Produzenten der Welt sind, wird in beiden Ländern inzwischen mehr Geld mit illegal geschürftem Gold als mit Kokain verdient. Auch in Bolivien, Brasilien, Ecuador, Mexiko, Nicaragua und Venezuela sind die Kartelle zunehmend in den illegalen Bergbau verwickelt.

© epd Goldstaub aus dem Fluss Chigorodo

Etwa auf halbem Weg von Playa Bonita nach Quibdó liegt Bagadó. Rund 11 000 Einwohner hat die Stadt am Fluss Atrato. Hier in Bagadó zeigt der Staat Präsenz. Jedenfalls sind viele Soldaten auf den Straßen zu sehen. Es gibt sogar eine kleine Garnison. Überall hängen Schilder mit der Aufschrift „Compra Oro“ (Goldankauf). Niemand fragt oder kontrolliert, woher das Gold stammt und wie es abgebaut wurde. Im April dieses Jahres kam es im Chocó zu schweren Kämpfen zwischen der ELN und den Urabeños, einer aus rechten Milizen hervorgegangenen Verbrecherorganisation. Bei den Gefechten ging es vor allem um die Kontrolle über Gebiete für das illegale Goldschürfen. Und um Territorium, das die Farc in Erwartung eines Friedens mit der Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos aufgegeben hatte. Rund 6000 Menschen flohen aus den Kampfgebieten, weitere 7000 saßen wochenlang in ihren Dörfern fest. Die meisten Betroffenen der jüngsten Auseinandersetzungen waren Indigene.

So wie José Luis Dogirama Sanapi, der zum Volk der Emberá-Dobida gehört. Seit vier Jahren arbeitet Dogirama Sanapi bei der Diözese in Quibdó, ist dort für die Zusammenarbeit mit den Indigenen in der Stadt und in den Dörfern im Hinterland verantwortlich. Als Jugendlicher war er von den Farc zwangsrekrutiert worden. Erst nach Jahren konnte er fliehen und wurde in das Schutzprogramm der Diözese für ehemalige Rebellen aufgenommen. Den Friedensvertrag der Regierung in Bogotá mit den Farc begrüßt er. Dass nach dem Friedensschluss bald Frieden sein wird in Kolumbien, glaubt er aber nicht. „Frieden wird es in Kolumbien erst geben, wenn es gerecht zugeht“, sagt Dogirama Sanapi und fährt fort: „Und wenn es Bildung und Arbeit für uns alle gibt. Und wenn die Paramilitärs und die Kartelle besiegt und entwaffnet sind. Und wenn Bodenschätze wie das Gold im Chocó den Völkern des Chocó gehören.“ Aber ist es nicht ein historisches Ereignis, wenn ein Krieg nach mehr als einem halben Jahrhundert zu Ende geht? „Wir Indigenen leben schon seit 524 Jahren im Krieg“, erwidert Dogirama Sanapi. Das wäre seit 1492. Es ist das Jahr, in dem der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus, dem das Land Kolumbien seinen Namen verdankt, im Auftrag der spanischen Krone Amerika „entdeckte“.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 23.09.2016 12:23 Uhr