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Papst in Amerika : Rappelvolles Herz Jesu

  • -Aktualisiert am

Es werden immer mehr: Pfarrer Moises Villalta tauft die kleine Madilynn in der Herz-Jesu-Kirche im Norden Washingtons. Bild: Getty

Am heutigen Dienstag wird Papst Franziskus in den Vereinigten Staaten erwartet. Noch ist der katholische Oberhirte auf beiden Seiten des politisch-ideologischen Grabens im Land populär. Doch das könnte sich schon bald ändern.

          In der Herz-Jesu-Kirche werden an diesem Sonntagmittag neun Babys getauft. „Wir freuen uns sehr darüber, dass die Täuflinge unsere Gemeinde verstärken“, sagt Pfarrer Moises Villalta und strahlt die Gläubigen an. Zwei Tage vorher, im Pfarrhaus, war dem Kapuzinerbruder noch ein Seufzer der Überforderung entwichen, als er nach der Größe seiner Gemeinde im Norden der Washingtoner Innenstadt gefragt wurde. „Wir haben viele Mitglieder, ganz schön viele, und es werden immer mehr.“ Bruder Moises stammt aus El Salvador, und auch die Herz-Jesu-Gemeinde besteht inzwischen zu 70 Prozent aus Zentralamerikanern und anderen „Latinos“. 1900 Familien haben sich im Pfarrhaus angemeldet, aber zu den Gottesdiensten kommen viel mehr.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Bis auf den letzten Platz sind die Kirchenbänke voll: junge Paare, die sich die ganze Messe lang im Arm halten; Kleinkinder in Rüschenkleidchen oder dunklen Anzügen; Großmütter in rosa Jogginghosen; Teenager, die sich mit ihren Geschwistern um Mamas Smartphone balgen. Die Kirche, die der Architekt vor knapp hundert Jahren der byzantinischen Kathedrale von Ravenna nachempfand, fasst immerhin gut tausend Menschen – und Bruder Moises feiert an jedem heiligen Sonntag fünfmal die Messe auf Spanisch: Am Vorabend um sechs, am Sonntagmorgen um acht, halb elf und zwölf, dann noch einmal am Abend um sechs. Jedes Mal wird es rappelvoll. Weil um zehn Uhr der englischsprachige Rest der Gemeinde die Kirche beansprucht, begnügen sich die Latinos um halb elf mit der Turnhalle der katholischen Schule. Um 15 Uhr gibt es in der Herz-Jesu-Kirche dann noch eine Messe auf Vietnamesisch und um Viertel nach vier eine weitere auf Kreolisch für die Haitianer. „Und alles unter dem Dach einer Gemeinde mit einem Pfarrer“, erklärt Moises Villalta. „Und das wäre dann ich.“

          Die Kirche als erster Anlaufpunkt

          Als Seelsorger ist der Kapuziner pausenlos gefragt. Von den Latinos seiner Gemeinde habe allenfalls jeder Zweite gültige Aufenthaltspapiere. In jüngster Zeit sind vor allem Kinder und Jugendliche hinzugekommen, die sich ohne ihre Eltern auf die gefährliche Reise nach Texas begeben hatten, dann meist monatelang in Lagern oder Heimen hausten und schließlich zu ihren Verwandten in die Hauptstadt geschickt wurden. Für viele ist die Kirche erster Anlaufpunkt. „Wir tun, was wir können“, sagt Bruder Moises, von Kleidersammlung bis Sonntagsschule. Aber für die meisten sei es „extrem schwierig“, in Washington Fuß zu fassen. Umso mehr freuen sich seine Schäfchen auf Papst Franziskus. An diesem Dienstag landet das spanischsprachige Oberhaupt der Katholiken in Washington. Für Mittwochmorgen hat Bruder Moises zur Frühmesse um sechs Uhr eingeladen. Danach will er mit den Gläubigen die vier Kilometer zum Weißen Haus hinunterlaufen. Für die ersten tausend hat der Pfarrer Armbänder, mit denen sie den Sperrbezirk hinter dem Weißen Haus betreten dürfen. So haben sie eine Chance, Franziskus nach seiner kurzen Begegnung mit Präsident Barack Obama zu sehen.

          Vor Monaten hat der Papst selbst ausgeplaudert, wie er sich seinen ersten Besuch in den Vereinigten Staaten eigentlich vorgestellt hatte: Zu Fuß wollte er über die mexikanische Grenze einreisen. Das hätte zu seiner Geste vom Sommer 2013 gepasst, als er auf die italienische Insel Lampedusa reiste und für Flüchtlinge betete. Nun geht es doch an die amerikanische Ostküste, ins Herz der weltlichen Macht: Washington, New York, Philadelphia. Was Moises Villalta in einem der buntesten Stadtteile Washingtons erlebt, ist in der Region nicht die Regel. Die meisten katholischen Gemeinden schrumpfen. Hätte Franziskus Boom-Bistümer besuchen wollen, so hätte er wirklich in den Süden oder Westen des Landes reisen müssen: In Houston (Texas), Atlanta (Georgia), Fresno (Kalifornien) und Phoenix (Arizona) hat die Kirche in den vergangenen zehn Jahren jeweils zwischen 590 000 und 670 000 Neuzugänge gezählt.

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