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Kampf gegen Rassismus : Die Brücke von Selma

  • -Aktualisiert am

Als am 7. März 1965 Schwarze mit einem Marsch von Selma nach Montgomery in Alabama das Wahlrecht verlangten, wurden sie niedergeknüppelt. Bild: AP

Der „Blutige Sonntag“ in der Stadt Selma jährt sich zum 50. Mal. Die Protestmärsche dort markieren eine Wegmarke in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Wie Martin Luther King den Schwarzen in Amerika das Wahlrecht sicherte.

          Die zwei Minuten Gnadenfrist, die der Sheriff über das Megaphon ausgerufen hatte, dauerten nur 65 Sekunden. Dann stürzte er sich mit rund 150 Mann auf die friedlichen Demonstranten. Polizisten und zu allem entschlossene Freiwillige aus Selma und Umgebung droschen mit Schlagstöcken und Peitschen auf die Vorhut der rund 600 Afroamerikaner ein, die still und in Zweierreihen die Edmund-Pettus-Brücke über den Alabama River überquert hatten. Der Protestmarsch von Selma in die Hauptstadt Montgomery, wo Alabamas offen rassistischer Gouverneur George Wallace regierte, endete am „Blutigen Sonntag“ schon kurz hinter dem Ortsausgang. 58 Teilnehmer des Marschs mussten im Krankenhaus behandelt werden.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Zu ihnen zählte John Lewis, der als Vertreter des „Student Nonviolent Coordinating Committee“ den Marsch mit angeführt hatte und heute Abgeordneter in Washington ist. Ihm wurde an jenem 7.März 1965 die Schädeldecke gespalten. Zweimal hieb der Polizist auf ihn ein – beim zweiten Schlag lag Lewis schon auf dem Brückenasphalt. In seinem Büro hängen Fotos von der Szene. Es gibt auch Filmaufnahmen, auf denen der damals 25 Jahre alte Lewis gut zu erkennen ist, weil er einen Rucksack über dem hellen Mantel trug – eigentlich wollten die Demonstranten ja mehr als 50 Meilen zurücklegen. Sheriff Jim Clark machte es sichtlich nichts aus, dass die Kameraleute an Ort und Stelle waren. Alle Amerikaner sollten sehen, wie er den Aufstand der „gottverdammten Nigger“ niederknüppelte.

          Die Polizei geht mit Tränengas gegen die Demonstranten vor.

          Anders als vielleicht Gouverneur Wallace, der Clark freie Hand ließ, dürften der Sheriff und seine Schläger nicht erkannt haben, dass es die tapferen Bürgerrechtler auf genau diese Bilder abgesehen hatten. Wenige Wochen vorher hatte Martin Luther King auch wegen des zuverlässig brutalen Sheriffs beschlossen, Selma zur nächsten Wegmarke der Bewegung zu machen. King war da bereits Friedensnobelpreisträger. Nachdem der Prediger 1963 in Washington so eindrucksvoll vor Hunderttausenden ins Träumen gekommen war, hatten die Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson das Bürgerrechtsgesetz durch den Kongress gepaukt, das unter anderem das Wahlrecht der Schwarzen bekräftigte. Doch in Selma war es wie in so vielen Städten und Landkreisen des Südens: Von den 15000 schwarzen Erwachsenen waren kaum mehr als 300 als Wähler registriert. Die meisten, die sich in die Listen eintragen lassen wollten, scheiterten an grotesken Testfragen: Wie viele Blasen schlägt eine Seife? Wie viele Erbsen sind in diesem Glas? Wie lauten die Namen aller Landräte von Alabama? Angesichts der Willkür der Bürokraten, die auch vor Ohrfeigen nicht zurückschreckten, wagten es die meisten Afroamerikaner nicht einmal, die „Nur für Weiße“-Schilder zu ignorieren und überhaupt das Amtsgebäude zu betreten.

          Am „Bloody Sunday“ war King nicht dabei. Über den Grund seiner Abwesenheit wurde in Amerika jetzt neu diskutiert, nachdem Hollywood die Geschichte im Kinofilm „Selma“ nacherzählt hat. Es gab Warnungen des FBI, dass es ihn bei einem Marsch nicht beschützen könne, und es gab wohl auch Ehekrach im Hause King. Wie der Film zeigt und John Lewis bestätigt, gab es auch Streit innerhalb der Bewegung: Junge Aktivisten, die seit Monaten in Selma Überzeugungsarbeit leisteten, störten sich am plötzlichen Auftritt des Stars aus Atlanta. Doch King hielt eine bewegende Predigt auf der Trauerfeier für Jimmie Lee Jackson. Der junge Mann hatte sich am 18. Februar 1965 in der Nähe von Selma an einer Demonstration beteiligt, die von weißen Rassisten angegriffen wurde. Im Tumult erschoss ihn ein Polizist. Ohne Kings kämpferische Trauerrede hätten kaum so viele Reporter am 7. März die brutale Konfrontation zwischen Sheriff Clark und den Bürgerrechtlern auf der Brücke bezeugt – auch wenn statt King neben dem Studentenführer John Lewis für die „Southern Christian Leadership Conference“ Hosea Williams den Marsch anführte.

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