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José Mujica im Interview : „Die Linke hat nicht verloren“

Popstar unter den Linken Lateinamerikas: Uruguays früherer Präsident José Mujica Bild: AP

José Mujica war Blumenzüchter, Guerrillero, Gefangener und Präsident Uruguays. Inzwischen ist er 81 und eine politische Kultfigur. Ein Gespräch über die lateinamerikanische Linke, Marihuana und das Leben.

          In den sechziger Jahren war José Mujica Anführer der Stadtguerrilla Tupamaros. Während der Militärdiktatur saß er 14 Jahre im Gefängnis von Montevideo, viele davon allein in einem Erdloch. Mit 74 wurde er zum Präsidenten der „Republik Östlich des Uruguay“ gewählt. Mujica spendete 90 Prozent seines Gehalts. Er verbrachte weiterhin viel Zeit in seinem kleinen Bauernhaus und fuhr einen himmelblauen Käfer. Mit spitzer Zunge und zugleich pragmatisch kämpfte er für seine Überzeugungen.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im vergangenen Jahr übergab Mujica die Amtsgeschäfte an seinen Parteikollegen Tabaré Vázquez. Er selbst ist nun Senator – und Kultfigur der krisengeschüttelten Linken in Lateinamerika. Er ist 81 Jahre alt und noch immer viel unterwegs. In Berlin ist er zu Besuch bei der Friedrich-Ebert-Stiftung.

          Herr Präsident, …

          Pepe!

          Pepe, der peruanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat vor Kurzem in einem F.A.Z.-Interview über Lateinamerika gesagt: „Das Versagen der linkspopulistischen Regierungen ist so offenkundig.“ Was würden Sie ihm darauf antworten?

          Die Geschichte des Menschen ist ein sehr langer Prozess, ein permanenter Streit um Fortschritte und Rückschritte. Das, was wir heute hochtrabend „die Rechte“ und „die Linke“ nennen, sind zwei Seiten des Menschen: die konservative, bewahrende Seite und die Seite, die darum kämpft, die Verteilung zu verbessern und die Ungerechtigkeit auf dieser Erde abzumildern. Es ist ein Fluss, ein fast permanenter Kampf. Die Linke hat nicht verloren, weil sie nicht verlieren kann, genauso wenig wie sie gewinnen kann. Wir werden es nie schaffen, den Himmel zu berühren und zu sagen: Die Geschichte ist vorbei. Wir sollten die Geschichte als Prozess sehen, nicht als Foto.

          Nach dem Linksruck Lateinamerikas Ende der neunziger Jahre sind Millionen von Menschen aus der Armut in die untere Mittelschicht aufgestiegen, aber …

          Und, zählt das nichts? Ist das nichts wert? Für alle, die jetzt besser essen, die ein besseres Haus haben, für die hat es sich gelohnt. Wenn wir danach abgewählt werden und verlieren, dann ist das egal, weil es diesen Menschen besser geht.

          Mujica zu Besuch bei Boliviens Präsident Evo Morales

          Die Ungleichheit in Lateinamerika ist trotz dieser Erfolge nahezu unverändert hoch geblieben. Woran liegt das?

          Das ist das Wesen des gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftssystems. Der Markt tendiert dazu, Reichtum zu generieren und zu konzentrieren. Das Bruttoinlandsprodukt wächst, aber innerhalb der Gesellschaft wächst der Abstand zwischen den Armen und den Reichen. Manchmal verbessert sich auch die Situation der Armen, aber die Reichen verbessern sich um ein Vielfaches.

          Hätte es nicht an den Linksregierungen gelegen, das zu ändern?

          Wenn wir die Wirtschaft einfach laufen ließen, würde sie wahrscheinlich funktionieren und viel Reichtum schaffen. Aber sie löst nicht die sozialen Probleme, im Gegenteil: Sie verschlimmert sie. Deshalb glaube ich, und glauben auch einige andere, dass es notwendig ist, den sozialen Aufstieg zu forcieren. Durch Steuergesetze, durch Arbeitsgesetze, mit Gewerkschaften, in denen die Arbeiter den Preis und die Bedingungen ihrer Arbeit auf Augenhöhe mit den Dienstherren diskutieren können. All das sind Maßnahmen, die helfen, Einkommen zu verteilen. Wenn der Staat sich die Hände wäscht und sagt: Ich bin neutral. Dann ist er neutral zugunsten des Stärksten. Das ist das, was in vielen Ländern passiert. Außerdem bringt die Konzentration von Reichtum politische Möglichkeiten mit sich, Entscheidungen von Regierungen zugunsten der Reichen zu beeinflussen. Da wird die Demokratie in Geiselhaft genommen, das ist eine Gefahr für die Demokratie.

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