https://www.faz.net/-gq5-797t7

Jorge Videla gestorben : Der Ideologe des dreckigen Krieges

  • -Aktualisiert am

Unter Kirchner sämtliche Begnadigungen aufgehoben

Allerdings wurde er 1998 wieder festgenommen. Obwohl damals das „Gehorsamspflicht“- und das „Schlusspunkt“-Gesetz sowie Menems Begnadigung noch Gültigkeit hatten, war dies möglich geworden, weil gegen Videla wegen eines Verbrechens ermittelt wurde, das nicht durch die Amnestieverfügungen abgedeckt war: die Entführung von Kindern, die ihren gefangenen, nach der Niederkunft getöteten Müttern weggenommen und Familien von Polizisten oder Militärs zur Adoption übergeben worden sind. Wegen seines Alters – Videla war damals 72 – wurde ihm Hausarrest gewährt, doch weil er sich trotzdem ungeniert in der Öffentlichkeit tummelte, wurde er in ein Gefängnis eingewiesen.

Fußball interessierte ihn nicht: Videla benutzte die WM 1978 für seine politischen Zwecke.
Fußball interessierte ihn nicht: Videla benutzte die WM 1978 für seine politischen Zwecke. : Bild: AP

Seit auf Betreiben des 2010 verstorbenen Präsidenten Néstor Kirchner 2005 vom Obersten Gericht sämtliche Amnestiegesetze und Begnadigungen aufgehoben worden waren, wurde gegen Videla eine ganze Reihe von Prozessen neu eröffnet. Im Juli 2012 ist er wegen der von den Schergen der Junta praktizierten Kindesentführung in 18 Fällen zu 50 Jahren Haft verurteilt worden. Er bestritt, dass systematisch schwangeren Gefangenen nach Entbindung die Säuglinge weggenommen wurden; dies seien nur Einzelfälle gewesen, behauptete er. Doch die Zahl von inzwischen mehr als hundert aufgeklärten Fällen, in denen die damals Entführten ihre wahre Identität wiedererlangt haben, lässt keinen Zweifel daran, dass der Kindesraub einem festen Plan folgte. Mutmaßlich sind insgesamt 500 Kinder auf diese Weise ihren Familien entrissen worden.

Die inzwischen in verschiedenen anderen Gerichtsverfahren ergangenen Urteile, bei denen Freiheitsentzug gegen Videla verhängt wurde, sind mit den 50 Jahren zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zusammengeführt worden. Zuletzt stand Videla wegen seiner Beteiligung und mutmaßlichen Rädelsführerschaft bei dem „Plan Cóndor“ vor Gericht. Unter diesem Decknamen koordinierten die Diktaturen Südamerikas die Verfolgung von politischen Gegnern und organisierten deren wechselseitige Auslieferung. Videla negierte auch bei diesem Verfahren jede Form von Verantwortung.

1976: Videla legt den Amtseid ab.
1976: Videla legt den Amtseid ab. : Bild: AP

Bei seinem letzten Auftritt am vergangenen Dienstag trug der mittlerweile 87 Jahre alte frühere Diktator mit fester Stimme seine Argumente vor. Es gab keinerlei Hinweis darauf, dass er von gesundheitlichen Problemen geplagt sein könnte. Kurz zuvor hatte er seine Landsleute ein letztes Mal mit einer provokanten Äußerung aufgeschreckt. Er forderte das Militär unverblümt auf, sich gegen die Regierung der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner zu erheben.

Am Freitagmorgen ist Videla tot in seiner Zelle im Gefängnis von Marcos Paz in der Provinz Buenos Aires aufgefunden worden. Obwohl die Justiz annimmt, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist, ordnete sie eine Autopsie an, „um alle Zweifel zu beseitigen“. Er wird ohne staatliches oder militärisches Zeremoniell bestattet, wie dies für alle argentinischen Militärs vorgesehen ist, die in Menschenrechtsverletzungen verwickelt sind. „Ein verachtenswerter Mensch hat die Welt verlassen“, sagte nach Bekanntwerden der Todesnachricht mit sichtlicher Erleichterung Estela de Carlotto, die Präsidentin der „Großmütter der Plaza de Mayo“, die ihre in der Diktatur verschwundenen Enkel suchen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der Afroamerikaner Jaques DeGraff lässt sich im Februar in New York gegen das Corona-Virus impfen.

Impfung gegen Corona : Die alte Angst der Afroamerikaner

In den Vereinigten Staaten lassen sich deutlich weniger Afroamerikaner impfen als Weiße. Das liegt auch an Erfahrungen, die Schwarze mit Gesundheitsbehörden gemacht haben. Viele kennen noch das Verbrechen von „Tuskegee“.
Robert Lewandowski (links) schießt noch ein Tor mehr als Erling Haaland.

FC Bayern besiegt Dortmund : Die große Show des Robert Lewandowski

Das Topspiel der Bundesliga wird zur Bühne der Torjäger. Haaland trifft früh doppelt für den BVB, doch die Bayern sind am Ende wieder stärker. Denn Lewandowski schießt noch mehr Tore als Haaland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.