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Kuba und Amerika : Ein kräftiger Schluck Bananenwein

Ein Hauch von alter Heimat: Little Havanna in Miami, Florida. Bild: LAIF

John Kerry soll heute in Havanna die Fahne der Vereinigten Staaten hissen. Tausende Kubanoamerikaner brennen darauf, ihre Heimat zu erkunden. Aber viele dürfen es immer noch nicht – ihre Eltern verbieten es.

          9 Min.

          Schon mit fünfzehn Jahren hatte Vanessa Garcia sich in den Kopf gesetzt, nach Kuba zu reisen. Mit Anfang dreißig machte sie ernst. Fidel Castro hatte seinem Bruder Raúl die Regierungsgeschäfte überlassen. Junge Blogger gewährten frische Blicke auf das Inselleben. „Das ist der Anfang vom Ende des Embargos“, dachte Vanessa. Für tausend Dollar kaufte sie zwei Flugtickets von Miami nach Havanna. Auf dem obligatorischen Formular gab sie an, mit ihrer Schwester eine Tante besuchen zu wollen. Barack Obama hatte solche Familientreffen kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten erlaubt. Die jungen Frauen buchten ein Hotel und warteten eine Woche ab. Dann erzählten sie ihrer Mutter von der Reise. „Und dann“, erzählt Vanessa Garcia, „war die Hölle los.“

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Fünf Jahre später zeigt Vanessa im Apartment ihrer Mutter und ihres Stiefvaters auf ein altrosa bezogenes Kissen. „Binnen Sekunden nahm Mamas Gesicht diese Farbe an.“ Man saß damals vier Etagen tiefer, im Apartment der Großeltern. Die Oma zeterte: „Dieser Mann ist immer noch da.“ Alles Geld, das man in Kuba ausgebe, lande in Castros Taschen. Der Opa, damals noch Herr seiner Sinne, fragte mit bebender Stimme: „Würdest du auch nach Deutschland reisen, wenn Hitler noch nicht besiegt wäre?“ Ihr Stiefvater erinnerte Vanessa daran, dass er vor Jahrzehnten, als er seinen Vater in Castros Gefängnis besuchte, zwei Amerikaner in dessen Zelle sah. Sie seien als Fischer in kubanische Gewässer geraten und deswegen eingesperrt worden. „Dein Pass rettet dich dort nicht. Denen ist jeder Vorwand recht.“

          Am meisten setzte Vanessa die Panik in den Augen ihrer Mutter zu. Jacqueline Diaz-Sampol führte Vanessas Onkel ins Feld, der in Kuba mit Elektroschocks gefoltert wurde und den Verstand verlor. „Unsere Töchter sollten nie vergessen“, erklärt die Mutter ernst, „was wir durchmachen mussten, um dort wegzukommen!“ Sie ließ keine Hintertür offen: Wenn Vanessa und ihre Schwester sich in Castros Gnade begeben wollten, dann nur über ihre Leiche. „Sie meinte das wörtlich“, sagt Vanessa. „Ich fürchtete, dass sie tot umfallen würde.“ Ihre Mutter wirkt heute noch angespannt. „Ich war mit jeder Faser meines Körpers überzeugt“, rechtfertigt sie sich, „dass unsere Familie in Kuba auf der roten Liste steht.“ Vanessa warf die Flugtickets in den Müll. Jetzt will sie sich auch rechtfertigen. „Ansonsten ist Mama total locker“, sagt sie. „Ich wollte einfach nicht, dass sie stirbt.“

          Es war nicht das erste Mal, dass Vanessas Neugier auf Kuba von denselben Menschen ausgebremst wurde, die sie ihr erst eingeimpft hatten. Vanessas Mutter war 1961, im Jahr zwei nach der Revolution, als Fünfjährige nach Miami gekommen. Was heute als heimliche Hauptstadt Lateinamerikas gilt, war damals noch rein englischsprachig. Die kleine Jacqueline lernte die Sprache schnell – zu schnell für den Geschmack ihrer Eltern. Also engagierte Vanessas Opa eine ebenfalls aus Kuba geflohene Lehrerin, die mit dem Mädchen Texte vom kubanischen Nationaldichter José Martí las. Als 18 Jahre später Vanessa auf die Welt kam, sprachen ihre Großeltern und Eltern nur Spanisch mit ihr. Erst in der Schule lernte sie die Sprache, in der sie heute Bücher schreibt. „Wir mussten uns zusammenreißen, nicht ins Englische abzugleiten“, erzählt Jacqueline Diaz-Sampol, die mit ihrem zweiten Ehemann Carlos eine Hausverwaltung betreibt. „Aber wir mussten verhindern, dass unsere Töchter ihre Identität verlieren!“ Vanessas Schwester hat kürzlich ein Baby bekommen. Sie will es genauso halten.

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